#05 Die Angst vorm Zunehmen

Die Entscheidung gesund werden zu wollen, ist der erste Schritt. Ein gedanklicher Schritt. Und den habe ich eigentlich schon ziemlich früh gemacht. Ich habe immer wieder gemerkt, dass ich das Leben so wie es jetzt ist eigentlich nicht möchte, dass ich gesund werden möchte.

Ich hatte immer mal wieder den Wunsch gesund zu werden. Mental war ich bereit, allerdings gab es eine Sache, die mich einfach unfassbar lange zurückgehalten hat. Die mich daran gehindert hat wirklich loszugehen. Aktiv zu werden. Und das war die Angst vorm Zunehmen. Meine Knochen nicht mehr spüren zu können. Zu merken, wie meine Oberschenkel plötzlich aneinander reiben, oder wie ich meinen Oberarm nicht mehr umfassen kann. Ich nicht mehr zerbrechlich und zart wirke, sondern einfach nur zu schwer. Wie irgendwie überall zu viel von mir da ist.

Und deswegen war ich der Überzeugung, dass beides geht, dass ich gesund werden kann und trotzdem weiterhin so dünn bleibe. Ich wollte nicht akzeptieren, dass ich um gesund zu werden Gewicht zunehmen muss. Das waren für mich damals zwei völlig getrennte Dinge. Weil es mir so Angst gemacht hat die Kontrolle abzugeben, weil ich so unglaubliche Angst davor hatte unkontrolliert zuzunehmen. In meiner Vorstellung habe ich immer weiter zugenommen, bin von der Magersucht direkt in die Esssucht gerutscht, ins Übergewicht.

Neidisch habe ich Freundinnen in meinem Umfeld beobachtet und mir selber gesagt wie ungerecht es ist, dass sie so dünn sind und alles essen können. Und ich wäre bestimmt viel dicker, wenn ich, das alles essen würde. Ich konnte meinem Körper nicht vertrauen. Ich hatte nicht das Vertrauen, dass mein Körper sich irgendwann einpendeln würde. Dass er zu dem Gewicht zurückkehren würde, was richtig ist.

Das war diese Angst den Schritt in eine Richtung zu gehen, die ich nicht kontrollieren kann. Wo ich nicht weiß was kommt. Die mich vielleicht noch viel unglücklicher macht. Ich hatte Angst wie ich das alles schaffen soll. Wie ich das durchhalten soll, dass ich niemanden enttäuschen möchte. Obwohl ich es noch nicht mal einen Tag versucht hatte. Dass dieser Weg nie aufhört, dass er endlos lang ist.

Was wäre, wenn dass und dass passiert? Was passiert, wenn ich einen Rückfall habe? Ich hatte Angst davor, dass ich an den Punkt komme,, wo ich sage: "Ich kann nicht mehr." Weil ich Angst davor hatte aufzugeben und schwach zu sein. Gegen die Essstörung zu verlieren. Dass alle anderen von mir denken: Sie hat es nicht hingekriegt, dass andere von mir enttäuscht sind.

Aber an oberster Stelle stand einfach die Angst vorm Zunehmen. Weil ich ab diesem Tag, an dem ich mich trotz aller Zweifel dazu entschieden hatte, dass ich für dieses zweite Leben kämpfen möchte einen unfassbaren Hunger entwickelt habe. Und dieser Hunger hat mir Angst gemacht. Weil ich ihn nicht kannte. Weil er so überwältigend war.

 

Es hat sich angefühlt, als hätte man bei einem Staudamm alle Schleusen aufgemacht – da wo ich mich früher kontrolliert habe, wo ich alles genau aufgeschrieben habe, konnte ich mich nicht mehr bremsen. Ich habe gegessen, wie jemand der seit Monaten durch die Wüste gelaufen ist und plötzlich in einer Oase ein Büfett entdeckt. Eigentlich ist dieser Vergleich gar nicht so schlecht. Ich hatte Lebenshunger. Nach Jahren in der Wüste. In der alles tot war, nichts wachsen konnte, fing plötzlich alles an zu blühen.

Und ich habe diese Momente unglaublich genossen, weil ich nie Angst hatte vorm Essen an sich. Ich habe Essen, Kochen und alles was damit zu tun hat immer geliebt. Ich habe angefangen mich mit Freunden zum Essen zu verabreden, ich bin mit Herzklopfen und Schmetterlingen im Bauch ins Bett gegangen, weil ich wusste, dass ich morgens etwas essen würde. Das war ein positives Gefühl. Es fühlte sich gut an.

Habe mich nie vor dem Essen an sich geekelt, es war eher, dass die Angst, dass ich diesen Hunger gar nicht kontrollieren konnte. Weil ich in der ersten Phase meiner Heilung einfach alles gegessen habe und auch gar nicht wusste, wann ich satt bin. Wie ein Automatismus. Wie als, wenn sich mein Körper, alles das zurückholen wollte, was ich ihm in den letzten Monaten verboten hatte.

Und dieser Kontrollverlust hat mir einfach eine unglaubliche Angst gemacht, weil ich innerhalb von 2 Monaten so viel zugenommen hatte, dass ich wieder bei meinem Ursprungsgewicht war – und das war so furchtbar für mich, weil es mir viel zu schnell ging. Weil ich in einem rasenden Tempo zugenommen habe. Und ich in meinen Vorstellungen weiter so zunehmen würde. Wenn ich jetzt schon so viel zugenommen habe? Wie wird das denn in den nächsten Wochen?

Und das war genau dieser kritische Punkt. Der Punkt, an dem ich am liebsten wieder zurückgegangen wäre, weil das alles keinen Sinn ergeben hat, weil ich gedacht habe, dass ich das nie hinkriege.
Dass alle, die mir davon erzählt haben, dass sich mein Körper wieder einpendelt keine Ahnung haben, dass sie mich anlügen.

Ich lüge dich nicht an. Du kannst da vertrauen und du kannst deinem Körper vertrauen.
Genauso wie die Essstörung so lange Zeit bei dir war, wird es dauern bis sich dein Körper und deine Seele erholen. Bis sie heilen. Und beides heilt in seinem eigenen Tempo. Und das braucht einfach Zeit.

Ich weiß noch ganz genau, mein Körper war am Anfang ein auf und ab. Ich sah gefühlt jeden Tag anders aus. Und ich habe gekämpft und ich habe wirklich oft daran gedacht, wieder zurück in die Essstörung zu gehen, weil ich das nicht ausgehalten habe. Und ich bin mehr als einmal rückfällig geworden.

Wenn es dir im Moment so geht, dann kann ich das gut nachvollziehen. Ich weiß wie du dich fühlst, weil ich mich damals auch so gefühlt habe. Aber es ist so wichtig, dass du dranbleibst. Dass du jeden Tag die Entscheidung für Heilung triffst. Du kriegst das hin. Ich weiß, dass du das hinkriegst. Du bist auf dem richtigen Weg.

Du bist größer als deine Angst. Du bist größer als die Angst vor dem Kontrollverlust. Du kriegst das hin. Schreibe dir die zweite Version deines Lebens auf, schreib dir auf wofür du jeden Tag losgehst. Hänge dir die zweite Version deines Lebens irgendwo auf, wo du sie gut sehen kannst. Und dann triff jeden Tag die Entscheidung für dieses Leben. Für Heilung.


Und es gab auf meinem Heilungsweg drei Dinge – die es mir unglaublich schwer gemacht haben, mich so zu akzeptieren wie ich bin. In diesem neuen Körper. Mit mehr Gewicht. Die Zweifel und Ängste geschürt haben. Aus eigener Erfahrung kann ich dir sagen, dass ich mich schon viel früher davon hätte trennen müssen. Ich löse mich von allem, was mir schadet. Wortwörtlich.

  • Trenn' dich von der Waage – für immer

Obwohl ich bereit war gesund zu werden konnte ich mich lange Zeit nicht von der Waage trennen.

Sie stand in einer Ecke meines Zimmers und die Versuchung war so groß mich immer wieder daraufzustellen und einfach mal zu gucken. Wie als wenn ich Bestätigung gesucht habe um mich selber herunterzuziehen. An Tagen, an denen ich mich selber zu dick fand, habe ich mich auf die Waage gestellt und diese Zahl gesehen. Diese Zahl die einfach so furchtbar für mich war. Das hat mich meistens noch viel mehr heruntergezogen. Und anschließend habe ich mich immer noch viel dicker gefühlt. Und ich habe schon da gemerkt, dass es für meine Heilung absolut kontraproduktiv ist eine Waage im Zimmer zu haben. Allgemein eine Waage zu haben.

Ich habe versucht mich selber auszutricksen. Die Waage unter mein Bett geschoben, damit ich sie nicht mehr sehe. Aber sie war immer noch da. Ich wusste, dass sie da war. Und obwohl ich eigentlich wusste, dass ich mich nicht wiegen sollte, weil es mir danach immer schlecht ging, habe ich es trotzdem gemacht. So oft. Ich habe die Waage in den Keller gebracht. Damit sie möglichst weit weg ist. Heimlich bin ich dann runtergegangen um zwischen Umzugskartons und Werkzeug einfach nur mal zu gucken.

Und das hat mich einfach in meinem Heilungsprozess so zurückgeworfen. Weil ich immer nach dem Wiegen ein schlechtes Gefühl hatte. Das Gefühl, dass ich weniger essen muss. Dass Gefühl, dass ich mehr Sport machen muss.

Bis ich irgendwann eingesehen habe, dass ich mich nicht dagegen wehren kann. Dass die Waage endgültig weg muss. Dass ich es nicht schaffe, wenn die Waage da ist und mir auf die Frage: Habe ich zugenommen? Immer gnadenlos mit: Ja antwortet.

Und dann habe ich die Waage kaputt gemacht. Wirklich mit einem Hammer. Bin in den Garten und habe auf sie eingeschlagen. Ich war so wütend. Wütend auf die Waage. Wütend auf mich, weil ich es nicht hingekriegt habe zu widerstehen. Und danach war ich einfach so unglaublich befreit.

Ich weiß, dass es im Heilungsprozess immer wieder notwendig ist, sich zu wiegen. Aber ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass ich das nicht alleine machen würde. Entweder bei einem Arzt oder in der Klinik. Und am besten ohne das Gewicht zu sehen.

Weil das Gewicht so unglaublich unbedeutend ist. Und es hat einfach so lange gedauert, bis ich das erkannt habe. Dass mein Gewicht nicht meinen Wert bestimmt. Und ich weiß wie furchtbar es sein kann, nicht zu wissen, wie viel man wiegt. Dass man es unbedingt wissen muss. Dass man das Gefühl hat, dass man zugenommen hat und man es unbedingt wissen muss.

Was sagt das Gewicht über dich aus? Mal ganz rational? Welche Bedeutung gibst du dem Gewicht, was dein Körper hat? Dieser Zahl? Warum musst du diese Zahl wissen? Bist du weniger Wert, wenn diese Zahl höher ist? Wirst du weniger geliebt, wenn du mehr Gewicht hast?

Mein Kopf hat mich so lange ausgetrickst. Mein innerer Kritiker und die Essstörung haben mir nonstop irgendwelchen Bullshit über mich erzählt. Bis ich erkannt habe, dass es völlig irrelevant ist diese Zahl zu wissen. Genauso wie die Essstörung richtig gut argumentieren kann, warum du diese Zahl unbedingt wissen musst.

 

Genauso kann ich jetzt argumentieren und dir sagen: Du bist nicht dein Gewicht. Diese Zahl auf der Waage sagt nichts, aber auch gar nichts darüber aus, wer du bist. Sie definiert nicht, wie liebenswert du bist. Sie entscheidet nicht, was du kannst. Oder wie viel Wert du hast. Es ist einfach nur eine verdammte Zahl, die anzeigt, wie stark die Gravitationskraft der Erde auf dich ist. Wie relevant wäre das Gewicht im Weltall? Du bist nicht dein Gewicht. Du bist nicht diese Zahl. Du bist so viel mehr als das.

Und ich wünschte, ich hätte das so viel früher erkannt. Weil mich der Schritt mich von der Waage zu trennen befreit hat und mir einfach dabei geholfen hat mich mit meinem neuen Körper besser anzunehmen.

  • Trenn' dich vom Ganzkörperspiegel

Meine Mutter hat mich früher immer Spiegelkind genannt. Ich musste in jeden Spiegel gucken, den ich gesehen habe.

 

Und ich hatte immer einen großen Spiegel in meinem Zimmer. Früher habe ich davor rumgetanzt und mit dem Lippenstift meiner Mutter darauf herumgemalt. Später in der Essstörung war dieser Spiegel mein Richter. Ich habe mich stundenlang vor dem Spiegel verrenkt, um zu gucken, wie ich von hinten aussehe, nur um dann festzustellen, dass ich mich viel zu dick fand. Auch später in meiner Fitnessphase musste ich ständig in den Spiegel gucken, um meinen Körper zu begutachten. Ihn zu bewerten. In Unterwäsche davorzustehen und festzustellen, dass sich meine Oberschenkel berührten und mein Körper überhaupt nicht so aussah, wie ich wollte.

Immer wenn ich an diesem Spiegel vorbeigegangen bin, musste ich mich angucken. Es war völlig automatisch. Gucken, ob ich zugenommen habe. Mich bewertet und dadurch automatisch ein schlechtes Körpergefühl gehabt. Ich habe mich von meinem Spiegel getrennt. Weil ich gemerkt habe, dass er mir in der Beziehung zu meinem Körper nicht guttut.

Und ich habe bis heute übrigens keinen Ganzkörperspiegel. Nicht weil ich Probleme mit meinem Körper habe, sondern weil ich ihn nicht brauche. Weil ich mich nicht darüber definiere, wie ich aussehe. Manchmal klettere ich auf den Hocker im Badezimmer um mich dort zumindest bis zum Knie anzugucken, wenn ich bestimmte Kleidungsstücke kombiniere. Aber sonst? Brauche ich ihn nicht.


Und wenn es dir ähnlich geht, dass kann ich dir nur empfehlen – trenne dich vom Spiegel. Am Anfang ist es vielleicht komisch oder macht vielleicht auch Angst sich selbst nicht mehr sehen zu können. Nicht mehr überprüfen zu können, wie du aussiehst. Aber du bist so viel mehr als dein Aussehen. Als der Körper in dem du bist. Wenn du den Fokus von außen nach innen lenkst, kannst du dich selbst neu definieren. Nicht darüber wie groß, schwer, schlank oder schön du bist. Sondern über dein Inneres. Deine Seele. Deine Fähigkeiten und Eigenschaften. Und das passiert ganz automatisch.

  • Trenn' dich von deiner alten Kleidung.

Neulich habe ich davon gesprochen den digitalen Kleiderschrank auszusortieren. Aber für deine Heilung ist es so wichtig auch in den echten Kleiderschrank zu gucken.

Ich hatte so lange meine ganze „essgestörte“ Kleidung in meinem Schrank hängen. XXS Hosen, Oberteile in Größe 32 und 34. Und irgendwie konnte ich mich nicht davon trennen. Weil ich damals so viel Geld dafür bezahlt habe, weil ich fand, dass bestimmte Kleidungsstücke mir besonders gut standen.

Und die Kleider da im Schrank hängen zu haben, war so eine große Versuchung für mich. Nur mal kurz die Hose anzuprobieren, um zu gucken, ob sie noch passt. Um dann festzustellen, dass sie zu eng war. Dass ich zugenommen hatte. Oberteile zu behalten, weil ich sie schön fand und sie mir doch damals so gut gepasst haben.

Und ich habe diese Sachen nicht nur anprobiert, sondern sie auch im Alltag getragen. Obwohl sie mir viel zu eng waren. Mir ständig gezeigt haben, dass ich zugenommen habe.

Und auch wenn du an einigen Kleidungsstücken hängst. Trenne dich von ihnen. Egal wie teuer sie waren, sie sind es nicht wert, dass die Beziehung zu deinem Körper leidet. Dass du das Gefühl hast zu dick zu sein. Du bist nicht dick. Du brauchst diese Erinnerung an deine Essstörung nicht mehr.

Und um mit der Gewichtszunahme besser klarzukommen, habe ich mir mehrere Outfits zugelegt, die sogar eine Nummer zu groß waren. Das ist jetzt nicht „Gewicht annehmen im klassischen Sinne“ Aber es hat mir besonders in der ersten Zeit geholfen mich ein bisschen selbst auszutricksen.

Such dir Kleidung aus, in der du dich wohlfühlst. Wo nichts zwickt und einschneidet. In der du dich gut fühlst. Mit deinem neuen Körper.

  • Last but not least: Lerne deinen neuen Körper kennen.

Nimm dich selber in den Arm. Wenn du das noch nicht gemacht hast, dann fang damit an. Mach es zu einem Ritual. Creme dich ein. Streichle deinen Bauch. Deine Arme. Deine Füße. Versuch dich auf diesen neuen Körper einzulassen. Ich sage damit nicht, dass leicht ist den neuen Körper anzunehmen und dass es von heute auf morgen geht. Aber es ist der einzige Körper, den du hast.

 

Es ist so wichtig, dass du dich mit ihm anfreundest, weil er bis zum Ende deines Lebens bei dir bleiben wird. Und er macht alles dafür, dass du leben kannst. Er arbeitet den ganzen Tag, rund um die Uhr nur für dich. Nur damit du leben kannst. Nur damit du diese ganzen Erfahrungen machen kannst. Egal wie er aussieht, er macht einfach einen fucking fantastic job – dein Körper. Je mehr du mit ihm in Kontakt trittst, desto besser kannst du ihn akzeptieren. Und auf einmal ist er nicht mehr so fremd und unheimlich, sondern einfach nur dein Körper.


Ich hoffe, dass dir dieser Blogbeitrag gefallen hat. Dass du Antworten auf deine Fragen bekommen hast. Schreib mir gerne über Instagram, wie du mit dieser Angst vorm Zunehmen umgehst. Vielleicht hast du weitere Tipps, die du mit anderen teilen möchtest. Ich finde diesen Austausch einfach so unglaublich wertvoll. Weil wir dadurch einen riesigen Korb mit Hilfsstrategien füllen und du dir genau das heraussuchen kannst, was für dich passt.

 

Du kannst deinem Körper vertrauen. Du bist auf dem richtigen Weg.

 

Alles Liebe,

deine Oona

 

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