#06 Du musst das nicht alleine schaffen - Warum die Entscheidung für Heilung eine Entscheidung für Hilfe ist

Heute gibt es einen Beitrag, der mir sehr am Herzen liegt – weil ich ihn damals gebraucht hätte. Ich hätte jemanden gebraucht der darüber mit dir spricht. Und deswegen mache ich das jetzt. Und es ist auch gleichzeitig ein Beitrag, in dem es um den ersten Schritt für die Heilung der Essstörung geht.

Dieser Beitrag ist für dich, wenn du nicht weißt, wo du anfangen sollst. Wenn du eigentlich gesund werden möchtest aber unglaubliche Angst hast. Wenn du nicht weißt, was du machen kannst, um wirklich loszugehen.

In den letzten zwei Wochen haben mich sehr viele Nachrichten über Instagram erreicht. Teilweise war ich ziemlich überfordert, weil ich ehrlich gesagt nicht damit gerechnet habe so viele Nachrichten zu bekommen.

Aber ich bin unglaublich glücklich, über die Nachrichten, die mich jeden Tag bei Instagram und über meine Website erreichen. Nachrichten, in denen du mir schreibst, dass dir der Podcast gefällt. In denen du mir von dir erzählst. Danke für deine Offenheit. Danke für das Vertrauen mit dem du deine Gedanken und Ängste mit mir teilst.

Und jede einzelne Nachricht berührt mich sehr. Weil ich das so gut nachvollziehen kann. Weil ich weiß wie alleine und hilflos ich mich damals gefühlt habe.

Vor allem alleine. Weil ich damals gar nicht wusste, wo ich anfangen soll. Wie ich anfangen soll gesund zu werden. Weil ich keine Unterstützung von außen hatte. Und es ist nicht so als wäre sie mir nicht angeboten worden, aber ich habe einfach rigoros alles abgeblockt und niemanden an mich herangelassen.

Meine Mutter hat mir immer wieder neue Vorschläge gemacht. Gruppentherapie, Reittherapie, Maltherapie. Aber ich wollte keine Hilfe. Ich wollte keine Unterstützung. Weil ich das Gefühl hatte, dass ich das alleine schaffen muss. Und das hat im Endeffekt dazu geführt, dass ich mit der Essstörung so unglaublich alleine war. Dass ich mit diesen ganzen Gedanken alleine war.

Ich war immer eine Einzelkämpferin. Ob beim Sport oder in der Schule. In erster Linie, weil es mir schwergefallen ist anderen zu vertrauen. Mich auf sie zu verlassen. Ich habe im Laufe meines Lebens „gelernt“, dass Dinge nur meinen Vorstellungen entsprechen, wenn ich sie selber mache. Wenn ich die Verantwortung trage.

Und das war, glaube ich, auch ein großer Punkt in Bezug auf meinen Widerstand der Therapie gegenüber. Ich dachte, ich muss das alleine machen. So wie ich das Auslandsjahr alleine gemeistert habe. So wie ich die Trennung meiner Eltern als kleines Mädchen alleine verarbeitet habe. Ich dachte, dass mein Lebensweg mir immer wieder gezeigt hat, dass ich mich nur auf mich verlassen kann.

Ich habe mir die Schuld an der Essstörung gegeben. Und dachte, dass ich für eine Situation, in die ich mich selber gebracht habe, keine Unterstützung haben darf. Ich wollte keine Last sein. Nicht mehr als ich es sowieso schon war.

Es gibt doch andere, die brauchen diese Hilfe viel dringender als ich. Warum sollte ich das machen? Ich bin nicht krank genug. Es gibt andere, die sind viel dünner als ich.

In mir hat sich damals alles gegen eine Therapie gesträubt. Ich war so überzeugt, dass ich das alleine hinkriege. Ich dachte, ich muss das alleine hinkriegen. Ich war so überzeugt, dass ich niemanden brauche, niemanden brauchen darf, der mir dabei hilft. Dass ich genau wie in der Essstörung die Kontrolle behalte.

Damit mir niemand sagt, was ich zu tun habe. Damit mir niemand sagt, wie ich mich angeblich fühle, oder was ich als Nächstes machen soll. Damit mich niemand verurteilt. Ich dachte, dass Hilfe anzunehmen ein Zeichen von Schwäche ist.

Außerdem hatte ich in meinem Kopf ein ziemlich klares Bild von Therapie. Und das war einfach sehr negativ. Ich wusste, dass ich da nicht hinwollte. Ich wollte nicht regelmäßig zu einer fremden Person gehen und über meine Essstörung sprechen. Ich wollte mich damit nicht konfrontieren, obwohl ich es nicht mal versucht habe.

Wenn ich in Therapie gehe, kriege ich einen Stempel als EssgestörteDann wissen alle: Oona ist in Therapie. Das war für mich zum damaligen Zeitpunkt etwas unglaublich Schlimmes. Dass die anderen denken, dass ich gestört bin. Dass ich nicht alle Tassen im Schrank habe.

Und ich wusste, wenn ich in Therapie gehe, wenn ich wirklich sage: Okay ich habe eine Essstörung und hole mir Hilfe, dann ist das eine Entscheidung, die ich nicht rückgängig machen kann. Dann gibt es keinen Weg zurück. Dann kann ich nicht heimlich wieder in die Essstörung.

Was passiert, wenn ich es nicht schaffe? Das hat mir unglaublich viel Druck gemacht. Weil ich Angst hatte zu versagen. Weil ich Angst hatte, dass ich es nicht hinkriege. Weil ich mir Gedanken gemacht habe, was andere über mich denken könnten, wenn ich scheitere, obwohl ich doch in Therapie bin. Weil ich selber nicht an mich geglaubt habe.

Hilfe zuzulassen bedeutet wahrzunehmen, dass es ein Problem gibt. Hilfe zuzulassen, bedeutet anzuerkennen, dass sich etwas ändern muss. Hilfe zuzulassen bedeutet zu vertrauen. Sich von den eigenen Vorstellungen zu lösen und blind zu vertrauen. Und das macht verdammte Angst.

Die Entscheidung für Heilung ist gleichzeitig eine Entscheidung für Hilfe. Und umgekehrt. Eine Entscheidung, das jetzt wirklich durchzuziehen. Es nochmal zu versuchen. Auch, wenn du schon so oft gescheitert bist.

Und ich kann verstehen, wenn du überfordert bist, weil du denkst, dass du das nicht schaffst. Dass du alle Hoffnung verloren hast, weil kein Klinikaufenthalt, keine Therapie und kein Coach irgendetwas gebracht hat. Dass du denkst, das bringt sowieso nichts mehr. Ich habe es so oft versucht und bin immer wieder gescheitert, mir kann man nicht mehr helfen.

Ich hatte so Angst, was passiert, wenn ich merke, dass ich das nicht kann. Wie komme ich wieder zurück? Wie kann ich mich verstecken? Woher soll ich wissen, ob ich es überhaupt schaffe? Ob das überhaupt was bringt. Ich hatte Angst verurteilt zu werden und gleichzeitig hatte ich riesige Vorurteile gegenüber Gruppenberatung, Therapie.

Obwohl die Beratung von Waage e.V. hier in Hamburg gleich um die Ecke war – habe ich immer einen großen Bogen gemacht. Weil ich Vorurteile hatte. Weil ich in meinem Kopf ein ganz genaues Bild hatte, wie eine Gruppe für Essstörungen aussieht, obwohl ich nie da war. Was da für Mädchen sind. Was für Themen da besprochen werden. Diese innere Abneigung Hilfe zuzulassen, hat dafür gesorgt, dass ich alles abgeblockt habe.

Erst viel später war ich bei einer Gruppenberatung von Waage e.V. Und hätte mir selber wirklich in den Arsch treten können, weil sie nichts mit meinen Vorstellungen von damals zu tun hatte. Die Gruppenberatung hat mir unglaublich gutgetan. Weil man merkt, dass man nicht alleine ist. Weil man sich wie eine kleine Einheit gegen den Rest der Welt fühlt. Man fühlt sich verbunden und sicher. Und egal wie groß deine Widerstände sind – probiere es aus. Vielleicht ist es nicht die Art von Therapie, die du brauchst, aber es ist so wichtig, dass du es zumindest versuchst.

Ich habe damals gesagt: Ich gehe da nicht hin. Auf gar keinen Fall. Schlussendlich habe ich damals mit meiner Mutter einen Kompromiss gemacht und bin zu einer Ergotherapeutin gegangen.

Mein innerer Widerstand war unglaublich groß – ich wollte nicht. Ich bin damals nur hingegangen, um meiner Mutter einen Gefallen zu tun. Weil ich das Gefühl hatte, das es nichts bringt. Ich habe mich lustig gemacht über die Übungen. Habe mich lustig gemacht über die Traumreisen und den inneren Garten.

Aber trotzdem hatte ich irgendwie Halt. Ich hatte jemanden bei dem ich einfach sein konnte. 2 x die Woche 1 Stunde Entspannung nur für mich. Ich erinnere mich noch, dass ich bei den Fantasiereisen regelmäßig eingeschlafen bin. Ich habe nie geträumt. Aber ich hatte 2x die Woche die Möglichkeit mich zu entspannen. In einem geschützten Raum. Ohne Bewertung. Ohne Aufforderungen. Ich habe erst viel später gemerkt, wie wichtig das für mich war.

Sich Hilfe zu holen bedeutet nicht schwach zu sein.

Und es kann sein, dass du das Gefühl hast, dass alle anderen Menschen in deinem Umfeld aufgegeben haben. Oder vielleicht, dass dich niemand unterstützt, weil deine Freunde und deine Familie überhaupt nicht wissen, dass du tagtäglich einen Kampf gegen die Essstörung führst.

Wenn niemand an dich glaubt, ist es unglaublich schwer an sich selbst zu glauben. Ich glaube an dich. Du hast es verdient deine Essstörung für immer hinter dir zu lassen. Du hast es verdient. Dieses zweite Leben. Du hast es verdammt nochmal verdient glücklich zu sein. Und du kannst die aktuelle Situation verändern. Du bist nicht ausgeliefert. Die Essstörung hat dich lange genug als Spielball benutzt.

Egal an welchem Punkt der Essstörung du bist. Egal ob du Normalgewicht hast oder untergewichtig bist. Egal wie lange du schon essgestört bist. Du darfst dir Hilfe holen. Du musst das nicht alleine schaffen. Es ist wichtig, dass du dir Unterstützung holst auf deinem Weg. Es ist so unglaublich mutig und stark sich Hilfe zu holen.

Und ich kann dir das alles sagen. Aber ich kann dich nicht zwingen den ersten Schritt zu machen. Den Hörer in die Hand zu nehmen. Deinen Computer anzumachen und nach einer Beratungsstelle zu suchen. All deinen Mut zusammenzunehmen. Über deinen Schatten zu springen. Alle Ängste zu ignorieren, egal wie groß sie sind. Egal wie laut die Stimme der Essstörung ist, die dir sagt, dass du das sowieso nicht hinkriegst und dass du bei ihr viel besser aufgehoben bist. Du. Und nur du allein kannst diesen Schritt gehen.

Es kann durchaus sein, dass es beim ersten Mal nicht klappt. Dass die Chemie einfach nicht stimmt. Dass du dich bei dem Therapeuten nicht gut aufgehoben fühlst. Das kann unglaublich niederschmetternd sein. Dann sagt die Essstörung: Habe ich dir doch gesagt funktioniert nicht. Du kannst es nicht. Komm lieber wieder zurück zu mir, denn hier bist du sicher. Hier brauchst du nicht in Situationen gehen, die für dich unangenehm sind.

Es ist so schwierig zu spüren, was das Richtige ist. Weil die Essstörung die Wahrnehmung verfälscht. Weil sie dich zurückziehen will. Nicht will, dass du diesen Schritt für dein neues Leben gehst. Aber es ist so, so wichtig, dass du es immer wieder versuchst.

Und es ist unglaublich anstrengend sich unter zu Stützung zu suchen, wenn man keine Unterstützung dabei hat. Das klingt so bescheuert, aber du bist auch mit dieser Entscheidung, welche Therapie für dich die richtige ist, nicht alleine.

Was ist das Richtige für mich? Was hilft mir? Ich habe damals eine Online Beratung genutzt und geschrieben: „Ich möchte Hilfe. Ich weiß nicht wie, ich weiß nicht was das Richtige für mich ist.“ In vielen Beratungsstellen bekommt man auch kostenlose Einzelgespräche. Wichtig ist, dass du dran bleibst. Dass du nicht resignierst und der Essstörung die Kontrolle überlässt.

Manchmal ist es viel einfacher nachts eine E-Mail an eine Online-Beratung zu schreiben, als sich selber mit dieser Fülle an Angeboten auseinander zu setzen.

Es gibt mittlerweile so viele unterschiedliche Angebote und ich kann das verstehen, wenn du da total verunsichert bist. Ich habe mich damals so erschlagen gefühlt von dieser Menge an Angeboten und wusste gar nicht, was denn jetzt das Richtige für mich ist. Und was dann passiert ist, dass man dann dazu tendiert es einfach gar nicht zu machen.

Aber egal wie groß die Überforderung aktuell ist und egal wie schlimm es sich anfühlt, wenn eine Therapie, oder eine Gruppenberatung augenscheinlich nichts bringt – es ist viel schlimmer, wenn man durch diese ganze Überforderung aufgibt und gar nichts macht. Weil du denkst: Das bringt doch eh nichts mehr.

Solange du mit der Krankheit alleine bist, hältst du dir diese Hintertür offen. Wieder zurückzugehen. Es gibt kein Leben mit ein bisschen Essstörung. Und ich weiß wie schwer es ist diese Entscheidung zu treffen.

Der Schritt sich Hilfe zu holen, ist der Schritt sich für Heilung zu entscheiden.

Auch wenn es sich für mich am Anfang so angefühlt hat, als wenn ich das alleine schaffe, kann ich rückblickend sagen, dass ich meine Essstörung erst für mich heilen konnte, als ich mir Hilfe geholt habe. Und das war viele Jahre später. Ich habe für mich erkannt, dass ich trotz Normalgewicht immer noch essgestört war. Dass ich es nicht schaffe diesen Anteil von mir selbst zu heilen. Weil ich nicht wusste, woher meine Essstörung kam, welches Problem ich versucht habe zu lösen. Ich wusste nicht, warum ich so unglaubliche Angst hatte, ohne Essstörung zu leben. Ich wusste nicht, wie ich mit der Gewichtszunahme umgehen sollte.

Ich habe damals versucht die Essstörung zu heilen, ohne sie zu verstehen. Und vielleicht geht es dir ähnlich wie mir. Dass du immer noch diesen Anteil in dir trägst, obwohl du nach außen eigentlich schon geheilt bist. Egal an welchem Punkt in deinem Leben du bist. Du darfst dir Hilfe holen. Du hast es verdient diese Krankheit zu heilen.

Und dieses Thema ist mir einfach so wahnsinnig wichtig, weil ich aktuell selber merke, dass ich Unterstützung brauche. Ich bin keine Therapeutin. Und so gerne ich dir auch Tipps und Erfahrungen bei Instagram teile, meine Geschichte ist kein Allheilmittel. Meine Geschichte ist meine Geschichte. Und deine Geschichte ist deine Geschichte. Ich sage damit nicht, dass ich mich aus der Verantwortung ziehe und ich finde es einfach wunderbar, dass mich jeden Tag so viele Nachrichten erreichen.

Aber der Austausch mit mir. Über Instagram oder meine Website ist kein Ersatz für eine Therapie. Ich bin nicht da, ich kenne die Umstände nicht. Und ich kann auch nicht immer direkt antworten. Ich unterstütze mit meinen Erfahrungen, aber ich kann dir nicht sagen, was für dich richtig ist. Ich kann dir nur sagen, wie ich es gemacht habe. Und das war auch nicht immer der richtige Weg. Du brauchst jemanden der, da ist. Jemanden der deine Situation kennt, deine Vergangenheit kennt. Jemanden der professionell ausgebildet ist und dir vor Ort helfen kann. Der dich begleiten kann.

Weil du es verdient hast. Du hast diese Unterstützung verdient.

Und ich habe es vor kurzem schon auf Instagram erzählt, dass ich ein wunderschönes interview mit in-cognito aufgenommen habe. in-cognito ist eine Plattform, auf der du Hilfe findest. Neben einem Blog auf dem du Artikel und Interviews zum Thema Essstörung, Körper lesen kannst, hat in-cognito auch eine Suchmaschine für Hilfsangebote in deiner Nähe und eine Online-Beratung, die du kontaktieren kannst.

Ganz egal, was dich gerade beschäftigt: Du musst das nicht alleine lösen.
Ich schicke dir eine große Umarmung. Und sage dir: Du bist auf dem richtigen Weg.

Alles Liebe,

deine Oona


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