#07 Interview Part 1- Wie dir deine Angst den Weg zur Heilung der Essstörung zeigt

Normalerweise sind die Gäste in Interviews immer berühmt oder in einer bestimmten Art und Weise bekannt. Ich habe mich bewusst gegen diese Art von Interviews entschieden. Denn hier in meinem Podcast geht um dich. Und um mich. Ich möchte hier mit Menschen sprechen, mit denen du dich identifizieren kannst. Ich möchte dir mit dieser Art von Interviews einfach zeigen, dass du nicht alleine bist. Dass es so unglaublich viele Frauen gibt, die das Gleiche durchgemacht haben und die immer noch da sind. Die die gleichen Ängste und Zweifel hatten. Und die mittlerweile geheilt sind.

 

Das heutige Interview führe ich mit der wundervollen Yvonne. Ich will gar nicht zu viel verraten – du lernst sie ja gleich selber kennen. Wir waren direkt auf einer Wellenlänge, sodass wir uns ein bisschen verquatscht haben :-) Weil das Interview aber so unglaublich wertvoll ist, habe ich mich dazu entschieden zwei Podcastfolgen daraus zu machen. Du kannst dich also jetzt schon auf die Fortsetzung in zwei Wochen freuen.

 

 In dem Interview geht es nicht nur um die Auslöser der Essstörung, sondern auch darum, wie man der unglaublichen Angst begegnen kann, die mit der Entscheidung für Heilung zusammenhängt. Außerdem erzählt Yvonne mir, wie sie es geschafft hat nach der Klinik wirklich dranzubleiben und nicht in alte Muster zurückzufallen.


Du erfährst wie negative Glaubenssätze mit der Essstörung zusammenhängen und warum Loslassen und Vertrauen zwei Schlüsselwörter im Heilungsprozess sind. Yvonne und ich sind uns auf unserem Lebensweg mittlerweile zweimal begegnet. Man könnte meinen, das war Zufall. Aber wir beide glauben nicht an Zufälle. Deswegen habe ich mich umso mehr gefreut, dass sie sich bereit erklärt hat, sich ein drittes Mal mit mir zu treffen und dieses Interview zu führen.Das erste Mal sind wir uns bei der Vorbereitungstagung für ein Auslandsjar in Südamerika begegnet - Yvonne hat
im Gegensatz zu mir das Auslandsjahr kurzfristig abgesagt und ist nicht ins Ausland gegangen. Weil sie gespürt hat, dass es nicht das Richtige für sie ist. Danach dachte sie lange, dass sie versagt hat und hatte mit einem angeknacksten Selbstbild zu kämpfen.

 

Unsere zweite Begegnung fand in der Gruppenberatung von Waage e.v. (Beratungsstelle in Hamburg) statt. Ich war damals von Waage e.V. eingeladen worden,um in der Beratungsgruppe junger Frauen über die Heilung meiner Essstörung zu sprechen.

 

Yvonne sagt, dass sie nach der Entscheidung das Auslandsjahr abzubrechen, hauptsächlich von sich selber enttäuscht war, aber auch das Gefühl

hatte alle anderen enttäuscht zu haben.

 

Wann hat das angefangen mit der Essstörung?

Yvonne erzählt mir, dass ihre Essstörung ein fließender Übergang war. Das abgesagte Auslandsjahr hat den Stein ins Rollen gebracht. Zwar sie hat auch früher schon mal Diäten gemacht aber nie ernsthaft durchgezogen.

 

Denn Essen ist ja bei einer Essstörung eigentlich eher seltener das Problem. Denn es geht nie um das Essen an sich. Yvonne erzählt, dass sie bis heute weiß, dass das der Abbruch des Auslandsjahres viel dazu beigetragen hat: "Ich habe die Geschichte mit dem Ausland in den Sand gesetzt und ab jetzt mache ich alles richtig, ich darf keine Fehler mehr machen - ich muss perfekt sein, ich darf nie wieder jemanden enttäuschen."

 

Denn die Essstörung ist ja immer auch ein Lösungsansatz, eine Methode um Dinge wirklich durchzuziehen. Die Essstörung ist eine Lösung um bei einer Sache keine Fehler zu machen und augenscheinlich perfekt zu sein.

 

Yvonne sagt mir, dass sie immer mal wieder den Wunsch hatte gesund zu werden, aber lange Zeit gebraucht hat um diesen Wunsch anzunehmen und dann auch wirklich umzusetzen.

 Das Jahr 2014 beschreibt sie als ihren absoluten Tiefpunkt. Sie war sechs Wochen stationär, vorrangig wegen einer Depression, in der Klinik. Aber sie sagt auch, dass sie glaubt, dass sich die Essstörung und die Depression nicht wirklich trennen lassen. Ein bisschen so wie Henne und Ei. Was war zuerst da?

 

Dieser Tiefpunkt  war geprägt von Sportbesessenheit, Bewegungszwang und dem Sixpack-Trend. Yvonne glaubte lange, dass sie endlich glücklich wird, wenn sie den idealen Körper erreicht. Stück für Stück hat sie sich von allen zurückgezogen und ihr war alles egal.  Erst mit Waage e.v. (Beratungsstelle in Hamburg) hatte sie das erste Mal das Gefühl  richtig vorangekommen zu sein.

 

Sie hat sich damals selber in die Klinik eingewiesen. Yvonne erzählt, dass sie bei der Blutabnahme saß und gedacht hat: "Ich kann dem Ganzen noch einmal eine letzte Chance geben. Das bin ich meinem Umfeld schuldig." Mittlerweile weiß sie, dass sie sich das selber auch schuldig war.

 

"Aufgeben kann ich später - dafür habe ich immer noch Zeit. Jetzt probiere ich es einfach nochmal"

 

Möchte ich von dieser Welt gehen, ohne, dass ich mein Leben wirklich gelebt habe? Ohne dass mein Leben wirklich angefangen hat?

 rgendwann kommt man in der Essstörung an diesen Punkt, dass man das Gefühl hat, das man so viel verpasst hat und dass es jetzt zu spät ist.

Aber das ist es nicht. Du kannst es immer wieder neu probieren. Es gibt jeden Tag eine neue Chance, um es einfach noch einmal zu probieren.

 

Wie hast du nach der Klinik den Anschluss oder Übergang gefunden, weil die Gefahr, dass man nach einer stationären Behandlung wieder in alte Muster fällt, doch sehr groß ist?

 

Yvonne erzählt, dass die Klinik für sie wie eine Käseglocke war, ein geschützter Raum und wenn man diesen Raum verlässt, ist alles ganz laut und durcheinander.

 

"Es ist wichtig, dass du einen Plan hast, wie es danach für dich weitergeht und Strategien für dich entwickelst."

 

Dafür muss man lernen die Essstörung anzuerkennen. Gedanken, Gefühle und Handeln wahrzunehmen und in Einklang zu bringen. Was kann ich tun, wenn es mir schlecht geht und warum geht es mir eigentlich schlecht?

Um den Übergang nach der Klinik zu schaffen, braucht man einen konkreten Plan. Das sind die Schritte, die ich jetzt machen kann und dann schaue ich weiter. Es hilft sich wirklich einen neuen Alltag aufzubauen und diesen Alltag anders zu füllen als zwei bis drei Stunden beim Sport zu verbringen oder sich Wochen im Voraus zu überlegen, was man essen darf. 

Es geht darum sich alternative Schwerpunkte suchen, sich einen neuen Sinn zu suchen und zu entdecken, wer man ohne die Essstörung ist.

Das kann ein Ortswechsel sein oder ein neues Hobby. Vielleicht das Interesse für Kunst, oder Tierschutz.

 

Wie geht man damit um, wenn man von Ärzten oder Therapeuten mit seiner Essstörung nicht ernst genommen wird?

 

Yvonne erzählt mir, dass ihre erste Therapie nicht erfolgreich war, weil sie nicht ernst genommen wurde. Der Fokus lag auf der Depression, aber die Essstörung wurde von der Therapeutin nicht als gravierend angesehen.

 Daraus hat sie geschlussfolgert, dass die Essstörung vielleicht wirklich nicht so schlimm ist. Sie hat den Mut verloren sich diesem Problem zu stellen und konnte den Schritt nicht gehen, weil die Therapeutin sie entmutigt hat.

Weil sie dieses Urteil der Therapeutin auch das bestätigt hat, was viele Frauen davon abhält sich Hilfe zu suchen: Ich bin nicht mal krank genug oder dünn genug um Hilfe in Anspruch zu nehmen.

 

"Es ist so wichtig sich früh Hilfe zu holen und nicht locker zu lassen. Wenn der Arzt nicht helfen kann, sollte man den Arzt wechseln, etwas anderes probieren, statt aufzugeben, weil es nicht geklappt hat"

 

Es geht dabei seiner eigenen Intuition zu vertrauen und wirklich hinzuhören und die Konsequenz zu ziehen: "Okay, dann ist diese Ärztin vielleicht nicht die Richtige für mich."

Yvonne sagt mir, dass die Gruppenberatung bei Waage e.v. genau das war, was sie gebraucht hat. Weil sie gesehen hat, dass sie mit dieser Krankheit nicht alleine ist. Weil sie sich das erste Mal verstanden gefühlt hat und sich mit anderen Frauen über Dinge austauschen konnte, bei denen die Scham im normalen Umfeld zu groß war.

 

Wie kann man mit dieser unglaublich großen Angst umgehen, die Entscheidung für Heilung zu treffen?

 

Die Angst, sich wirklich für Heilung zu entscheiden und zu einer Beratung zu gehen kann überwältigend sein. Weil man mit diesem Schritt in eine Richtung geht, die vollkommen unbekannt ist. Vielleicht hat man Angst, dass man nicht weiß, wer man ist. Weil man nicht weiß, was einem eigentlich gefällt, oder wie man wird.

 

"Wer bin ich denn eigentlich? Wer bin ich, wenn die Essstörung nicht mehr da ist? Das ist beängstigend. Du bist 25 Jahre auf der Welt und weißt überhaupt nichts von dir."

 

Das Schwierige ist, dass niemand dir bei dieser Angst helfen kann. Es gibt niemanden der dir sagen kann, wer du bist. Du kannst nur die Augen zumachen und blind losgehen. "Wir haben nie Angst in etwas nur vor etwas - natürlich habe ich Angst irgendwo hinzugehen, aber in dem Moment wo du drin bist hast du keine Angst mehr."

 

Dafür lohnt es sich der Angst ins Gesicht zu gucken und zu sagen: "Okay ich gehe diesen einen Schritt - du musst ja auch nicht wissen wie es danach weiter geht. Du musst ja nicht die 100 Schritte im Voraus geplant haben. Es geht nicht darum zu wissen wer ich in fünf Jahren bin, sondern darum, wer ich heute bin". Meist ist die Angst vor der Angst größer als die Angst vor dem eigentlichen Schritt. Es geht darum sie nicht kleinzureden, denn es ist okay Angst zu haben. Angst ist der Zeiger, dass es da etwas gibt, wo wir hingucken müssen oder wo wir wachsen dürfen.

 

Angst ist einfach nur ein Gefühl. Und es ist wichtig, alle Gefühle wahrzunehmen und anzunehmen.

Es ist wichtig, sich nicht kleinmachen zulassen von dieser Angst und sich auch von den eigenen Gedanken nicht klein machen zu lassen.

 

"Ich habe Angst, aber ich mache es trotzdem. Die Angst zeigt uns, wo wir hingucken müssen."

 

Wie kann man mit negativen Glaubenssätzen und Gedanken umgehen?

 

Ich bin nicht gut genug. Ich bin schlechter als die Anderen. Ich bin nicht liebenswert. Ich bin nicht dünn genug. Alle anderen können es sowieso besser. Yvonne sagt, dass sie lange mit negativen Glaubenssätzen gekämpft hat.

Es ist wichtig nicht alles zu glauben, was wir denken. Wir sind nicht unsere Gedanken und der erste Schritt ist sich selber bewusst zuzuhören, was da eigentlich im Kopf los ist.

 

 Yvonne erzählt mir, dass sie viel Tagebuch geschrieben hat, um ihre negativen Glaubenssätze zu erkennen. Da das Schreiben eine Methode ist um sich selber zu erforschen und schwarz auf weiß sehen, was da eigentlich im Kopf los ist. Immer wieder zu hinterfragen und zu gucken: "Ist das wirklich wahr, was ich mir da grade über mich erzähle? Was spricht dagegen?"

So wie das Auflösen der negativen Glaubenssätze Zeit braucht, ist auch die Heilung der Essstörung ein Prozess. Genauso wie der Körper sich erholen muss, muss sich auch die Seele erholen.

 

Wie schafft man es trotz Rückschlägen den Mut für Heilung nicht zu verlieren?

 

Es gibt keine Instant-Lösung für die Heilung der Essstörung. Keine Pille, die einen von heute auf morgen gesund macht. 

 

"Da passiert es oft, dass man in diesem Prozess das Ende nicht sieht und denkt: Ich werde nie gesund. Ich schaffe das sowieso nicht. Ich konnte es mir auch nicht vorstellen, ohne Essstörung zu leben. Wie ist das, wenn ich mir keine Gedanken über mein Essverhalten und meinen Körper mache?"

 

Und wenn man dann zurückguckt, sieht man plötzlich, dass es doch geht. Die Heilung der Essstörung ist kein gradliniger Prozess. Meist sind es zwei Schritte nach vorne und einer wieder zurück.

 

Yvonne sagt mir, dass, auch wenn man denkt, dass das nie funktionieren kann, es ganz wichtig ist, dass es geht nicht darum geht zu kämpfen, sondern eher darum die Kontrolle loszulassen. Statt sich zu zwingen gesund zu sein und das mit Kontrolle zu lösen, geht es vielmehr darum loszulassen und sich darauf zu konzentrieren, dass man auf einem HeilungsWEG ist. Im Vordergrund bei Rückfällen steht vor allem der liebevolle Umgang mit sich selbst.

 

"Das ist jetzt passiert, aber ich liebe mich trotzdem. Punkt 1: Ich verzeihe mir. Und dann gucke ich: Was hat das Ganze ausgelöst?"

 

Rückfälle entstehen oft dadurch, dass etwas im Außen passiert und wir den Kontakt zu uns selber verlieren. Es geht darum sich selbst zuzuhören. Loszulassen bedeutet auch, sich und allem anderem um sich herum zu vertrauen. Sich immer wieder zu sagen: Ich bin auf dem richtigen Weg. Am Ende wird alles gut.

Yvonne erzählt, dass es für sich unheimlich wichtig war, aus dem Kopf ins Herz zu kommen und sich zu verbinden. Den Kontakt mit sich selbst herzustellen, wieder ins Spüren zu kommen und mit den eigenen Gefühlen in Kontakt treten "Ich öffne mich und ich versuche es einfach. Schreiben hat mir geholfen. Schlussendlich auch Yoga und Meditation".

 

 Wie findet man einen guten Umgang mit Inhalten auf Social Media?

 

Yvonne sagt mir, dass Social Media und Instagram sie extrem unter Druck gesetzt hat Abzunehmen und einen perfekten Körper zu haben.

 Eine Zeitlang hat sie deswegen komplett auf Social Media verzichtet. Aber sie sieht Instagram auch als große Chance um sich positiv auszutauschen und zu unterstützen. Mittlerweile sucht sie sich gezielt das aus, was sie konsumieren möchte. Es geht darum, das bewusst zu tun.

 

"Es gibt Dinge auf Instagram, denen setze ich mich einfach nicht mehr aus. Ich gucke mir nur noch das an, was mir persönlich guttut, alles andere wird gestrichen."

 

Manchmal können ein paar Tage Social Media Detox wirklich guttun. Komplett offline sein, denn wenn wir nicht mehr so stark von Dingen im Außen abgelenkt sind, kommen wir auch wieder mehr zu uns zurück.

 

 ....to be continued.

 

Ich hoffe so sehr, dass dir dieser erste Teil des Interviews mit Yvonne gefallen hat und dass du für dich ganz viele wichtige Sachen mitnehmen konntest.

 

Wie ich schon am Anfang erwähnt habe, kommt in zwei Wochen der nächste Teil des Interviews, der einfach auch noch einmal so unglaublich wichtig ist. Also kannst du dir da schon einmal ein Kreuzchen im Kalender machen. ;-)

 

Ich freue mich natürlich sehr, wenn du deine eigenen Erkenntnisse aus dieser Podcastfolge auf Instagram auf meinem Profil @oonamaste mit mir teilst.

 

Bis dahin sage ich dir: Du bist auf dem richtigen Weg!

 Alles Liebe, deine Oona

 

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