#14 Ist die Essstörung vollständig und für immer geheilt? Wie fühlt sich Heilung an?

Herzlich willkommen zu einer neuen Podcastfolge vom oonamasté podcast

In der heutigen Folge geht es um eine Frage, die ich immer wieder gestellt bekomme: Oona, wird man eigentlich für immer zu 100% von der Essstörung geheilt? Ist Heilung möglich? Machst du dir keine Gedanken mehr um dein Essen?“

Ich glaube, dass diese Frage sehr wichtig ist, denn besonders schon so lange auf diesem Heilungsweg ist, kann es sein, dass man irgendwann die Hoffnung verliert, weil man denkt: Ich kann das nie schaffen. Diese Gedanken sind noch da und ich werde sie nicht los.

Neulich habe ich einen Post auf Instagram von einem Mädchen gelesen, die meiner Meinung nach schon sehr lange mit einer Essstörung gekämpft und sich jetzt offiziell geoutet hat. Sie schrieb: Leben mit der Krankheit, aber, ohne dass sie einen weiterhin zusätzlich schadet.

Ich habe lange darüber nachgedacht, weil ich damals auch den Gedanken hatte, dass ich versuchen muss, mich mit der Krankheit zu arrangieren.

Indem ich keine Kohlenhydrate gegessen habe, aber irgendwie das Gefühl hatte die Krankheit im Griff zu haben.

Wenn ich versuche ein Leben mit der Krankheit zu führen, kann ich dann sagen, dass ich die Essstörung geheilt habe? Bin ich dann gesund?

Ich glaube, das ist auch der Grund, warum einige Frauen denken, dass sie ihre Essstörung nicht vollständig heilen können, weil es diesen finalen Punkt nicht gibt, an dem sie sagen: Ich stelle mich diesen ganzen Ängsten. Ich stelle mich diesem tiefsten, dunklen Punkt, der Essstörung."

Nur, wenn ich mich dem stelle, was in mir passiert, wenn ich meine Gedanken angucke, wenn ich meine Gefühle angucke, wenn ich mich frage: „Wofür benutze ich die Essstörung eigentlich?“, erst dann kann ich die Krankheit heilen.

Frage dich: „Welche Probleme versuche ich zu lösen? Oder wovon versuche ich mich auch abzulenken, wenn ich esse oder hungere?“

Wenn das nicht passiert, sondern, wenn du dich wirklich nur darauf fokussierst zu essen, dann kann diese Heilung nicht stattfinden.

Das war ein Punkt, an dem ich selber ganz lange festgesteckt habe. Dieser Punkt, an dem ich mich mit der Krankheit arrangiert habe. Ich hatte meine sicheren Lebensmittel und war so auf eine Art gesellschaftsfähig. Mir war zu diesem Zeitpunkt nicht klar, dass dich die Krankheit dadurch nicht heile, sondern nur verschiebe.

Heute bin ich so mutig von mir selber zu sagen, dass ich nachhaltig geheilt bin.

Allerdings bedeutet das nicht, dass ich komplett frei bin von diesen Gedanken. Ich glaube, das ist auch ein ganz wichtiger Punkt, an dem wir lernen müssen zu unterscheiden.

Früher hatte ich das Gefühl, dass diese Gedanken ein Indiz dafür sind, dass ich nicht geheilt bin. Ich dachte: „Wenn ich mich heute zu dick fühle, dann bin ich noch nicht geheilt.“

Aber es gibt immer Phasen, in denen wir uns attraktiv finden und es gibt Phasen in denen fühlen wir uns nicht so gut.

 

Woran ich merke, dass ich geheilt bin? Nicht an der Tatsache, dass ich diese zweiten Phasen nicht mehr habe, sondern, dass ich dann darüber nachzudenken und reflektiere: „Warum ist das eigentlich so?“  Dass du dich in dem Moment, wo du dieses schlechte Körpergefühl hast, fragst: „Was in meinem Leben ist aktuell los, dass ich mich zu dick oder nicht schön genug fühle? Welche emotionalen Probleme habe ich vielleicht?“

Nur weil du dich über einen bestimmten Zeitraum schlecht fühlst, heißt das nicht, dass du noch essgestört bist.

Mal einen schlechten Tag zu haben, bedeutet nicht, dass du diese Krankheit nicht für dich heilen konntest. Worauf es ankommt, ist, dass du weißt, wie du in dem Moment reagieren kannst. Auch wenn dieses schlechte Körpergefühl ein absolutes Alarmzeichen ist, hat man dadurch das Gefühl, das die Essstörung nicht verschwindet. Dass das immer noch die essgestörten Gedanken sind, die man hat. Jeder hat mal einen Tag, an dem man sich beschissen fühlt.

Die Heilung der Essstörung erkennst du nicht daran, dass du diese Tage nicht mehr hast, sondern daran, dass du weißt, wie du darauf reagieren kannst.

 

Dass du dich gut genug kennst um zu wissen, das ist das Signal, dass aktuell irgendwas mit mir nicht stimmt. Und um deine Definition von Heilung neu zu schreiben, musst du dich zunächst von deinem alten Heilungsbild lösen. Was ist Heilung für dich?

Meist sind es unsere Erwartungen, die dafür sorgen, dass wir enttäuscht sind. So wie wir denken, dass Bodylove bedeutet jeden Tag aufzustehen und ohne Gedanken an Kalorien und Gewicht über eine Blumenwiese hüpfen. Bodylove bedeutet eben nicht, dass wir uns jeden Tag und ohne Kompromisse abgöttisch lieben. Sondern, dass wir uns vergeben, wenn wir es mal nicht können.

Diese Abweichung von Definition und Realität kann frustrierend sein. Es kann jetzt enttäuschend sein, weil du bislang vielleicht die Vorstellung hattest, dass dieser Tag kommt, an dem du frei von allem bist. Dass es einen Tag gibt, an dem alles von dir abfällt.

Das war ein Problem, was ich lange hatte, weil der Tag X nicht kam und ich nie überzeugt davon war, geheilt zu sein. Ich habe meine Verbote aufgelöst, gegessen, wenn ich Hunger hatte und war trotzdem mit meinem Kopf so in dieser Vorstellung, dieser Erwartung gefangen.

Aber du kannst diese Vergangenheit nicht auslöschen. Die Zeit mit der Essstörung. Und deswegen kann die Krankheit auch nicht von jetzt auf gleich geheilt werden.

Um zu erkennen, dass ich geheilt bin, musste ich verstehen, dass diese Vergangenheit mit der Essstörung auf gewisse Weise zu mir gehört. Nicht mehr aktuell und aktiv, aber irgendwie schon.

Ich habe mich oft gefragt, was ich anders machen würde, wenn ich die Möglichkeit dazu hätte. Ich habe mich geärgert und mich gefragt: „Warum ist mir das passiert? Warum musste ich diese Essstörung haben? Warum kann ich das nicht auslöschen?“

Und die Antwort auf diese Frage ist: Ich kann diese Krankheit nicht aus meiner Vergangenheit löschen, weil mich die Essstörung zu diesem Menschen gemacht hat, der ich jetzt bin. Ich würde nicht hier sitzen und diesen Podcast machen, wenn ich Essstörung nicht gehabt hätte. Es gibt so viele Sachen, die ich auf meinem Heilungsweg über mich selber gelernt habe. Die Heilung der Essstörung hat mich dazu gezwungen mich mit mir selber auseinander zusetzen. Sie hat mich dazu bewegt diese negativen Anteile in mir anzugucken. Mich zu fragen: „Wer bin ich? Wer möchte ich sein?“


Heilung bedeutet auch, dass dieser Teil oder dieser Lebensabschnitt zu dir gehört. Die Essstörung war keine schöne Zeit, sie war eine sehr schwere Zeit. Aber irgendwie bin ich dankbar, dass ich durch sie so viel lernen konnte.

„Alles klar, das ist jetzt meine Vergangenheit und ich weiß, dass ich eine andere Möglichkeit habe. Es ist okay, ich weiß, dass ich diesen Abstand zu meiner Vergangenheit habe.“

Diesen Anteil, diese Vergangenheit bei sich selber anzuerkennen, bedeutet nicht, dass du weiterhin mit der Krankheit lebst. Sondern, dass du achtsam bist und aufmerksam bleibst, weil du weißt, dass diese Vergangenheit da war.

Allerdings kann die Heilung der Essstörung nur funktionieren, wenn du mit jemandem darüber sprichst und wenn du jemanden Professionellen hast, der dir dabei hilft diese Wunden zu heilen. Der dir dabei hilft, alternative Lösungen zu finden, damit du nicht, wenn es mal wieder schlecht läuft, Essen, Kotzen oder Kalorien zählen musst. Sondern, damit du weißt, dass du eine Alternative hast.
Suche dir Unterstützung dabei, diese Wunden zu heilen und Lösungen zu finden.

Damit du nicht wieder in alte Muster verfällst, damit du an diesem Punkt eine andere Möglichkeit hast und weißt (weil du dich reflektiert hast) „Das ist meine Vergangenheit, es ist okay, dass es meine Vergangenheit ist, aber ich wähle jetzt einen anderen Weg, weil ich geheilt bin und weiß, dass es andere Lösungswege für mein Problem gibt.“

Du musst dich nicht mit der Krankheit arrangieren. Das, was du machen musst, ist dir jemanden zu suchen der dir hilft, diesen letzten Splitter zu entfernen und deine emotionalen Wunden zu heilen.

Und wenn du dabei bist, deine Definition von Heilung ummünzen, dann kannst du dich auch davon lösen, dass es einen Tag X gibt. Du wirst irgendwann zurückgucken und merken: Krass, ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal überhaupt Kalorien gezählt habe.

Diese Erinnerungen an die Essstörung verblassen. Natürlich wirst du immer wissen, dass ein Eis mehr Kalorien hat, als ein Apfel. Aber Heilung bedeutet, trotz dieses Wissens das Eis zu essen - einfach, weil du Bock darauf hast.

Je öfter du es trainierst, je öfter du in diese Angst reingehst, desto einfacher wird es.

Du bist auf dem richtigen Weg.

Alles Liebe,
deine Oona

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