#19 Wer bin ich ohne die Essstörung?

Was bedeutet dieses Ich eigentlich? Wo fängt es an, wo hört es auf? Was umfasst es? Bin ich mein Körper? Oder bin ich vielleicht viel mehr als das?

Wie du vielleicht schon merkst, sind das sind ziemlich viele und ziemlich komplexe Fragen. Aber ich werde mein Bestes geben um sie hier und heute im Podcast zu beantworten.

Die gute Nachricht gleich mal vorweg: Wenn du dir diese Frage stellst, bedeutet das, dass du vom Kopf schon so weit auf deinem Heilungsweg bist, dass du dir vorstellen kannst, dass es dich ohne Essstörung gibt. Auch, wenn du noch nicht wirklich weißt wie dieses Ich aussieht.

Congratu-fucking-lations. Ganz ehrlich. Das ist eine riesige Erkenntnis. Ich weiß gar nicht mehr, wie lange ich gebraucht habe, bis ich wirklich an diesem Punkt war. Lange Zeit habe ich gedacht, dass ich nur noch die Essstörung bin. Und deswegen bist du da schon so viel weiter,weil du feststellen kannst, dass du nicht diese Essstörung bist.

 

Sondern, dass die Essstörung etwas ist, was aktuell zwar über dich bestimmt, aber es trotzdem die klitzekleine Möglichkeit gibt, dass das anders ist. Dass es ein Leben ohne Essstörung gibt.

Ich war vollkommen eingenommen von der Essstörung. Ich war die Essstörung. Da war kein Platz für irgendetwas anderes. Kein Platz um neue Dinge auszuprobieren. Wie ferngesteuert. Ein essgestörter Roboter ohne Emotionen, Wünsche oder Fantasien.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie unfassbar viel Angst das machen kann, nicht zu wissen, wer man ohne die Essstörung ist. Was man mag, oder was man vielleicht auch kann. Das liegt aber unter anderem daran, dass man gar keine Zeit und keinen Platz hat, um das herauszufinden.

Es geht nicht darum zu wissen, wer du sein willst, wenn du die Essstörung loslässt. Du kannst es währenddessen herausfinden. Und ich versichere dir, dass du das wirst. Das bedingt sich auch irgendwie gegenseitig. Erst wenn du diesen Schritt gehst um herauszufinden, wer du bist, kannst du die Essstörung ein Stück weit loslassen.

Ich war lange der festen Überzeugung, dass ich nicht mehr bin als mein Körper.
Dass ich mich darüber definieren muss, weil ich nichts anderes habe. Dass ich nichts kann, außer dünn zu sein. Wenn Menschen über mich gesprochen haben, wurde ich für meinen schlanken Körper gelobt. Und deswegen ist es auch so unfassbar schwergefallen diesen dünnen Körper loszulassen. Weil ich dachte, dass da nichts weiter ist.

Wer bin ich, wenn ich nicht mehr dünn bin? Wenn ich diesen Körper nicht mehr habe? Wenn ich nicht mehr xy Kilo wiege?
Dann bin ich irgendein x-beliebiges Mädchen. Dass in nichts besonders gut ist, mittelmäßig aussieht.

Weil quasi mit jedem zusätzlichen Kilo mehr und mehr von meiner angeblichen Identität verschwunden ist.

Um dich fragen zu können Wer bin ich ohne die Essstörung? musst du erkennen, dass du nicht dein Körper bist. Sondern, dass du einen Körper hast. Folgenden Gedanken möchte ich dir gerne mitgeben, auch wenn er dir vielleicht ein bisschen komisch vorkommt: Ich bin nicht mein Körper. Ich habe einen Körper.

Du, deine Seele wohnt in diesem Körper, du bist aber nicht dieser Körper.

Es klingt so unfassbar kitschig, aber wir haben diesen Körper als Möglichkeit bekommen, um hier auf der Erde diese Erfahrung zu machen. Dieses Leben zu leben. Dein Körper ist hier als dein Verbündeter. Als dein Wegbegleiter bis ans Ende deines Lebens.

Du hast diesen Körper als Tool-Box, als zuhause bekommen um damit ganz viele tolle Sachen machen zu können. Und dabei ist es erst einmal herzlich egal wie dieser Körper aussieht. Oder was dieser Körper hat oder vielleicht nicht hat.

Ein einfaches Beispiel: Du hast Füße, du bist aber nicht diese Füße. Dein Körper hat vielleicht ein bisschen Fett, aber du bist nicht fett.

Auch wenn dir das anfangs wahrscheinlich schwerfällt, solltest du versuchen in einer neuen Art mit dir selber zu sprechen. Um step by step zu lernen, dass du nicht dein Körper bist.

Wenn du dich zum Beispiel nicht gut fühlst, kannst du sagen: Mein Körper hat zugenommen. Aber nicht: Ich bin dick.
Mit ein bisschen Übung kannst du so mit der Zeit lernen, dich getrennt von deinem Körper wahrzunehmen.

Wenn du das Gefühl hast, dass es dir schwerfällt deinen Körper wirklich bewusst wahrzunehmen und ihn gesondert zu betrachten, kann ich dir Meditation wirklich empfehlen. Weil es zum Beispiel beim Bodyscan wirklich darum geht in den Körper und die einzelnen Körperteile hinein zu spüren und wahrzunehmen, dass du einen Körper hast, aber viel mehr bist als das.

Wenn du erkennst und wirklich fühlen kannst, dass du nicht dein Körper bist, hast du einen riesigen Schritt auf dem Heilungsweg geschafft.

Denn dann kannst du diese Identifizierung mit der Essstörung langsam loslassen. Schritt für Schritt. In deinem Tempo.

Meine Essstörung hat immer sehr viel in „Was wäre wenn..“-Szenearien stattgefunden. Ich habe mich um Dinge gesorgt, die noch überhaupt nicht eingetreten sind. Hing in der Vergangenheit und Situationen in denen ich Fehler gemacht habe. Du musst nicht entscheiden: Ab heute bin ich so und so. Sondern du kannst es Stück für Stück herausfinden.

Ich weiß, dass diese Frage: "Wer bin ich ohne die Essstörung? große Angst machen kann. Weil man das Gefühl hat, dass man nichts ist, wenn die Essstörung nicht mehr da ist. Dass man nichts wirklich gut kann oder mag. Aber versuch dich doch mal zu fragen: Wer möchte ich ohne die Essstörung sein? Gibt es Dinge, die ich wichtig finde? Gibt es Dinge, die mich vielleicht interessieren?

Oder vielleicht auch: Was hat mich früher interessiert? Und ist das immer noch so? Oder finde ich das jetzt vielleicht langweilig? Auch wenn es am Anfang schwerfällt, weil du keine Konstante oder keinen Rahmen erkennen kannst, versuch dich da langsam heranzutasten.

Quasi so wie, wenn du die Wassertemperatur im See fühlst. Mit dem großen Zehr eintippen und sich gleichzeitig noch irgendwo festhalten.

Dir vielleicht auch die Frage zu stellen: Wer war ich vor der Essstörung?

Es ist okay Angst zu haben. Alles, was wir nicht kennen, macht uns zu einem bestimmten Teil Angst. Das ist auch gut, denn dadurch wissen wir, dass es etwas ist, was wichtig für unsere Entwicklung ist. Ein Punkt, an dem wir hinschauen müssen.

Ich habe vor kurzem auf Instagram ein Interview von mir geteilt, dass zusammen mit Anika im Rahmen des Films „Ich hab’s geschafft“ von Waage e. V. aufgenommen wurde.

Und es ist so interessant, dass ich damals gedacht habe, dass ich bereit angekommen bin. Dass ich weiß, wer ich ohne die Essstörung bin.

Wir dürfen uns immer weiterentwickeln. Wir dürfen uns verändern. Wir dürfen Dinge mögen, die wir irgendwann nicht mehr mögen. Wir dürfen Dinge ausprobieren, die wir früher niemals ausprobiert hätten.

Ich weiß noch was für eine unfassbare Abneigung ich gegen Yoga und Meditation hatte. Mittlerweile sind beide Sachen feste Bestandteile meines Alltags, die mir unfassbar wichtig sind.

Ich glaube viel wichtiger als die Frage: Wer bin ich ohne die Essstörung? Ist die Frage: Wer erlaube ich mir zu sein?

Vielleicht gibt es bestimmte Aktivitäten oder Kleidungsstile, die du eigentlich gerne ausprobieren möchtest, aber dich irgendwie nicht traust. Weil du denkst, dass es nicht zu dir passt. Weil du Angst hast, was andere von dir denken könnten.

Oder du hast dich so lange selber klein gemacht, dass du gar nicht mehr weißt, was du wirklich möchtest.
Zunächst einmal: Alle Gefühle sind okay. Unsicherheiten dürfen da sein. Angst darf da sein. Verwirrung darf da sein.

Lass diese Vorstellung zu, dass es nicht eine Version von dir gibt. Sondern ganz viele verschiedene. Und alle diese Versionen, diese unterschiedlichen Facetten machen dich zu dir. Einzigartig und authentisch.

Ich würde sagen, von mir gibt es bestimmt zehn verschiedene Versionen. Wer bin ich und wenn ja wie viele? Nicht mit Yogahose. Nicht auf einem Meditationskissen sitzend oder in der Natur mit beiden Händen zum Himmel. Bin das überhaupt ich? Ja. Denn ich habe mir erlaubt mehr als nur eine Version von mir zu erfinden.

 

Es gibt mich in laut und ganz still, es gibt mich auf der Yogamatte und im Beachclub auf Ibiza. Es gibt mich naturverbunden und barfuß. Es gibt mich im Fahrstuhl auf High Heels. Und trotzdem bin das alles ich. Ich möchte mich nicht in eine bestimmte Schublade stecken lassen. Ich brauche kein: Ja aber du bist doch spirituell...“.

 

Denn die Tatsache, dass ich mich jeden Tag neu erfinden kann, gibt mir Raum für Wachstum. Raum für Möglichkeiten. Dabei bleibe ich im Kern immer noch ich. Mit all meinen Macken, meinen komischen Grimassen, meinen Ansichten, Fähigkeiten und Leidenschaften. Und ich kann dir versichern: Es lohnt sich.

Dieser Satz: "Aber eigentlich weiß ich gar nicht, wo ich gerade stehe und gerade im Studium werden mir die Prüfungen zu viel, die Essstörung immer lauter und ich habe keine Kontrolle über mein eigenes Ich, weil ich von so vielen anderen Faktoren beeinflusst werde und gar nicht die Möglichkeit habe, mich mit mir zu befassen."

Ich finde es ziemlich bewundernswert, wie klar und präzise du eigentlich genau weißt, was es ist, dass die Essstörung fördert. Dass du aktuell Dinge tust, die dich unter Druck setzen und dass dir die Zeit für dich fehlt. Dieser Satz beschreibt unfassbar gut, wie es wahrscheinlich ganz vielen (und auch mir damals) mit der Essstörung geht.

Unteranderem, weil kein Platz für andere Dinge neben der Essstörung sind. Gemeinsam mit einer Therapeutin oder in der Beratung könntest du Tätigkeiten finden, bei denen mehr Platz für dich bleibt. Du kannst dir aber jetzt schon überlegen, was dir helfen würde, um dich mehr mit dir selber zu befassen? Was hilft dir dabei dir Raum zu schaffen?

Mir zum Beispiel hilft die Meditation. Oder Schreiben. Immer wieder den Blick nach Innen zu richten und abzuklopfen. Was ist mir eigentlich wichtig? Welche Werte habe ich? Ist mir Gleichberechtigung wichtig? Oder eher Hilfsbereitschaft? Oder beides?

Was wünsche ich mir von anderen? Oder vielleicht auch: was wünsche ich mir von mir selber? Mit welchen Gedanken fühle ich mich authentisch? Welche Handlungen sind für mich selbstverständlich? Was ist mir wichtig?

Wie gesagt, du musst nicht heute wissen, wer du morgen sein willst. Und du musst dich auch nicht festlegen, wer du heute bist. Du kannst dich ausprobieren. Antesten. Verschiedene Versionen von dir entwickeln. Gucken, womit du dich wohlfühlst. Oder feststellen, dass du dich mit bestimmten Dingen nicht wohlfühlst.

Ich weiß, dass du das schaffst. Ich weiß, dass du auf dem richtigen Weg bist. Es ist so wichtig, dass du dran bleibst. Gib dir Zeit. Du hast diese Zeit. Es muss nicht von heute auf morgen passieren. Versuch den Druck rauszunehmen. Denn du bist die einzige Person, die sich diesen Druck macht. Dabei hast du alle Zeit und alle Freiheiten der Welt um herauszufinden wer du bist. Um herauszufinden, dass du dir erlauben kannst alles zu sein, was du willst.

Ich hoffe, dass ich dir deine Fragen mit dieser Podcastfolge beantwortet habe, dass du für dich neue Erkenntnisse mitnehmen kannst, neuen Mut und neue Hoffnung. Alles für dich und dein Leben und die Heilung deiner Essstörung zu geben. Weil du es verdient hast.

Bis dahin sage ich dir: Du bist auf dem richtigen Weg.

Alles Liebe,
deine Oona

 

 

 

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