#23 Gewicht zunehmen: Über Zweifel, den Set-Point und die Angst vorm Dickwerden

In diesem Blogpost geht es um den größten Stolperstein und gleichzeitig den schwierigsten und wichtigsten Schritt auf dem Heilungsweg aus der Essstörung.

Es geht ums Zunehmen. Beziehungsweise darum, wie man diesen neuen Körper akzeptieren kann. Woher weiß man, dass man irgendwann aufhört zuzunehmen? Wer versichert mir denn, dass ich überhaupt ein Set-Point Gewicht habe? Und wie gehe ich damit um, wenn ich plötzlich mehr wiege als vor der Essstörung?

Das alles sind Fragen von euch, die mich zu diesem Thema erreicht haben, als ich bei Instagram davon erzählt habe, dass ich diese Podcastfolge plane.

Die Resonanz die zum Thema Gewichtszunahme kam, war einfach wirklich sehr groß, es kamen unfassbar viele Fragen, die einfach auch zeigen, welche Verunsicherungen und Ängste damit zusammenhängen.

Die Angst davor dick zu werden und mich unwohl zu fühlen, hat mich so lange zurückgehalten. Mich zurückgehalten ohne Verbote zu essen, mich zurückgehalten weniger Sport zu machen. Ja mich sogar davor zurückgehalten mit dem Rauchen aufzuhören. Und ich finde, es kann einfach nicht sein, dass diese Angst davor dazu führt, dass man sein Leben nicht so leben kann, wie man es eigentlich möchte.

Neulich habe ich eine Nachricht zu dem Film „Ich hab’s geschafft“ mit Waage e.V. bekommen.  Wer den Film gesehen hat, dem ist vielleicht aufgefallen, dass ich zum damaligen Zeitpunkt, das war 2017 im Gesicht noch deutlich runder und irgendwie properer wirke. Ich habe damals glaube ich so 5-7 kg mehr gewogen als heute.

Und daraufhin wurde ich gefragt, ob ich mein Essen mittlerweile wieder kontrolliere und weniger esse und deswegen abgenommen habe. Um das mal kurz vorweg zu beantworten: Nein. Ich zähle keine Kalorien. Ich wiege nichts ab. Ich verzichte nicht auf Kohlenhydrate, esse keine fettreduzierten Produkte oder Proteinriegel. Ich höre auf meinen Körper und gebe ihm das was er braucht.

Als wir 2017 Film gedreht haben, war ich gerade in der Phase der Heilung vor der ich unfassbar Angst hatte. Ich weiß noch, dass ich mich zum damaligen Zeitpunkt sehr unwohl in meinem Körper gefühlt habe. Weil ich den Körper, so wie er da war nicht kannte.

Ich habe nicht exzessiv gegessen oder mich nur von Fast Food ernährt. Ich habe einfach versucht so normal wie möglich zu essen. Und trotzdem habe ich für mein Empfinden extrem schnell und extrem viel zugenommen. Ich glaube das größte Risiko ist, dass die Art der Gewichtszunahme in der ersten Zeit, wenn man anfängt wieder zu essen so unberechenbar ist.

Ich weiß, dass es viele Mädels da draußen gibt, die um jedes Gramm kämpfen und für die es unfassbar schwer ist, zuzunehmen. Das war bei mir nicht so. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich quasi von einem Tag auf den anderen 2 Kilo zugenommen habe. Und dann wieder zwei. Und nochmal zwei. Und ich stand auf der Waage und dachte – wie sehe ich denn in ein paar Monaten aus, wenn ich weiter so zunehme. Und ich hatte immer die Hoffnung, dass diese Gewichtszunahme einfach bei meinem Ursprungsgewicht vor der Essstörung stoppt – hat sie aber nicht. Ich habe weiter zugenommen und fand mich plötzlich richtig propper und dick.

Und ich dachte zum damaligen Zeitpunkt: Wie zur Hölle soll ich mich so jemals akzeptieren? Ich werde mich nie daran gewöhnen so auszusehen. Und die logische Konsequenz für mich war, dass ich dachte, dass ich für den Rest meines Lebens nicht intuitiv essen kann – vielleicht ist es einfach mein Schicksal, dass ich für immer Diät machen muss, während andere Frauen das Glück haben, dass sie sich nichts verbieten müssen.

Ich weiß noch, dass ich so verzweifelt war, als ich mein Ursprungsgewicht überschritten habe, dass ich gedacht habe irgendwas stimmt nicht mit meinem Körper. Ich dachte, dass ich Diabetes habe. Aber meine Blutwerte waren vollkommen okay. Dann dachte ich, dass ich eine Schilddrüsenunterfunktion habe. War bei etlichen Ärzten, die aber alle nichts finden konnten.

Das Problem mit der Gewichtszunahme ist, dass dir niemand diese Angst und Ungewissheit nehmen kann. Du musst da selber durchgehen. Es gibt niemanden der diesen Teil der Heilung für dich machen kann.

Es ist einfach so schwierig, weil das Einzige, was ich machen kann ist, dir zu sagen: „Du kannst deinem Körper vertrauen. Dein Gewicht wird sich einpendeln. Gib’ dir diese Zeit.

Und als ich das neulich einer jungen Frau gesagt habe, die mich gefragt hat, wie sie mit dieser Gewichtszunahme umgehen soll, hat sie mir geantwortet: Ja, aber du hast ja leicht reden, du bist ja schlank. Ich bin da nicht böse oder so. Ganz im Gegenteil, eigentlich war für mich ein unfassbarer Aha-Moment – weil ich früher selber in der Situation war und dachte: „Ja kein Wunder, dass die alles essen kann, die ist ja schlank. Die hat ja leicht reden. Aber bei mir ist das nicht so.

Ich habe zum damaligen Zeitpunkt nicht geglaubt, dass ich meinen Körper irgendwann wieder annehmen und gut finden kann. Dass ich keine Kalorien mehr zählen muss und dass ich nicht mal weiß wie viel ich gerade wiege. Dass ich mich irgendwann wohlfühle, so wie ich bin.

Weil ich mich damals eben nicht wohl gefühlt habe.

Und ich will dir gar nicht erzählen, dass du dich einfach nur selber lieben musst und du deinen Körper dann plötzlich annehmen kannst. Das ist Bullshit. Diese Zeit der Gewichtszunahme ist nicht einfach. Das kann ich dir sagen.

Ich weiß, wie viel Kraft das kostet. Ich weiß, wie schwer es ist immer wieder die Zweifel wegzuschieben und weiterzumachen. Aber es wichtig, dass du verstehst, dass das eine Übergangszeit ist. Vielleicht ist es so, dass du dich jetzt gerade unfassbar hässlich, dick und unförmig fühlst. Aber dieses Gefühl bleibt nicht für immer.

Nach einer so langen Hungerperiode nimmt der Körper alles, was er kriegen kann. Ich habe das in einem meiner letzten Podcastfolgen schon erzählt: Dein Körper will überleben und nimmt alles auf was du ihm gibst. Und vielleicht ist das mehr als er braucht. Weil er erst wieder lernen muss, dir zu vertrauen, dass du ihn mit ausreichend Kalorien versorgst.

Sobald du über einen längeren Zeitraum genug isst, obwohl du zunimmst und vielleicht sogar mehr zunimmst als du geplant hast und dein „Ideal“-Gewicht überschreitest, erst wenn du das machst, kann dein Körper aufhören jede Kalorie zu bunkern und sich darauf verlassen, dass er das nächste Mal genug bekommt.

Du musst jetzt für ein paar Monate oder vielleicht auch ein bis zwei Jahre wirklich die Zähne zusammenbeißen und kämpfen. Anfangen zu essen ist relativ einfach. Aber dranzubleiben und dadurch zu gehen, trotz dieser ganzen Zweifel und trotz dieser Angst weiterzumachen, das ist die eigentliche Challenge. Das Auszuhalten. Dieses höhere Gewicht auszuhalten. Und da passt auch das was Sophie in der letzten Podcastfolge gesagt hat so gut: Wie kann sich das Richtige so falsch anfühlen?

Zunehmen fühlt sich am Anfang unglaublich falsch an. Aber trotzdem ist es wichtig, dass du jeden Tag wieder neu startest. Obwohl es sich falsch anfühlt. Es ist unfassbar schwierig bis man erkennt, wer man eigentlich wirklich ist, und dass das Gewicht so irrelevant ist, DAS ist die Herausforderung.

Aber du bist bereit dafür. Wir schaffen das alle zusammen. Du bist nicht alleine. Ich weiß, dass es schwer ist. Und unangenehm. Aber du bist bereit dafür.

Ich möchte kurz noch ein paar Worte zum Thema Set-Point Gewicht sagen. Ich weiß, dass die Set-Point Theorie wissenschaftlich umstritten ist, aber ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass ich ein bestimmtes Gewicht habe zu dem mein Körper zurückkehrt, wenn ich „normal“ esse und mich „normal“ bewege.

Normal deswegen, weil es bei mir natürlich auch Zeiten gibt, in denen ich mehr Süßkram oder FastFood esse und dann auch zunehme. Das Set-Point Gewicht ist bei mir das Gewicht was ich halte, wenn ich ausgewogen und gesund esse, mir aber nichts verbiete.

Allerdings wird dieses Gewicht auch von anderen Faktoren beeinflusst. Zum Beispiel ob ich ausreichend schlafe. Ob ich vielleicht Stress habe. Welchen Umwelteinflüssen ich ausgesetzt bin.

Was kann ich machen, wenn ich mich mit meinem Setpoint Gewicht einfach unwohl fühle? Naja, zunächst ist es wohl so, dass du dich mit jedem Gewicht nach der Essstörung unwohl fühlen wirst. Das ist ganz normal.

Und das liegt unteranderem daran, dass du während der Essstörung den Bezug dazu verlierst, was „normales“ oder „gutes“ Gewicht für dich ist.

Ich erinnere mich noch, dass ich damals zu Beginn meiner Essstörung in mein Tagebuch geschrieben habe: Lieber Gott ich möchte endlich mein Zielgewicht von xy Kilo erreichen. Dann bin ich endlich glücklich und schlank. Und ein paar Monate später, war dieses Gewicht ein absolutes No-Go für mich. Weil ich mir zu diesem Zeitpunkt schon wieder ein viel niedrigeres Zielgewicht gesetzt habe.  
Und ein ganz wichtiger Faktor um dieses Gefühl wieder zu finden und dich selber besser mit diesem Gewicht zu akzeptieren ist Zeit. Heilung braucht Zeit. Dein Körper braucht Zeit.

Vielleicht wiegst du jetzt mehr als vor der Essstörung und denkst, dass das dein eigentlicher Set-Point ist. Vielleicht ist er das gar nicht. Nur weil du noch nicht direkt wieder abgenommen hast, heißt das nicht, dass dieses Gewicht jetzt für immer in Stein gemeißelt ist.

Zeit ist ein Faktor der Heilung, der so unfassbar unterschätzt wird. Wir wollen immer sofort alles. Aber genauso wie unsere Wunden an unserem Körper heilen, braucht auch unser Stoffwechsel und unsere inneren Prozesse Zeit um zu heilen.

Gib dir Zeit um dich von diesem essgestörten Idealbild zu lösen. Ich weiß noch wie unfassbar lange ich mir Bilder aus meiner Essstörung angeschaut habe und mich heimlich immer noch schön fand. Und irgendwann kam da die Veränderung, dass ich plötzlich sehen konnte wie krank dieser Körper war.

Mein Körper hat circa 2 Jahre gebraucht um sich final einzupendeln. Und jetzt denkst du? Zwei Jahre, das halte ich niemals durch. Das ist viel zu lang. Doch, du wirst es durchhalten. Weil es leichter wird. Und es immer mehr Tage geben wird, an denen du dich besser akzeptieren kannst. Aber es ist wichtig, dass du aktiv an dieser Akzeptanz arbeitest. Dass du dir selber dabei hilfst.

Ich wiederhole das so oft im Podcast – es gibt viele kleine Dinge, die du relativ schnell umsetzen kannst, um diese Übergangsphase besser auszuhalten, wie zum Beispiel die Waage wegzuschmeißen oder sie sogar kaputt zu machen.

Vielleicht sogar die Ganzkörperspiegel abzuhängen und stattdessen ein schönes Bild aufzuhängen, dass dich motiviert oder dir gute Laune macht. Ganz wichtig: Kleidung aussortieren.

Und neue Kleidung kaufen. Und zwar Kleidung, die dir passt. Sophie hat in der letzten Podcastfolge erzählt, wie unfassbar gut es ihr getan hat, endlich Hosen zu haben in denen sie sich wohlfühlt. Kleidung zu tragen, die dir passt und in der du dich trotz deinem Gewicht vielleicht sogar schön fühlst macht einfach so viel aus.

Dann, was auch immer ganz wichtig ist: Instagram und Social Media wirklich bewusst nutzen und den Accounts, die dir und deinem Körperbild nicht guttun entfolgen. Oder stumm schalten. Und neue inspirierende Accounts suchen.

Das sind zwar alles nur kleine Tricks, aber sie können dir so sehr dabei helfen, dass du dich nicht 24 Stunden am Tag mit deinem Gewicht und deinem Körper auseinandersetzt. Hör dir gerne die Podcastfolge Nr. #05 an, da spreche ich noch genauer darüber, was du machen kannst um die Gewichtszunahme besser auszuhalten.

Du bist nicht dein Gewicht. Diese Zahl auf der Waage sagt nichts, aber auch gar nichts darüber aus, wer du bist. Sie definiert nicht, wie liebenswert du bist. Sie entscheidet nicht, was du kannst. Oder wie viel Wert du hast. Du bist nicht dein Gewicht. Du bist nicht diese Zahl. Du bist so viel mehr als das.

Ich weiß, dass es für mich eine essenzielle Sache gab, die mir dabei geholfen hat mein Gewicht besser zu akzeptieren. Und die war, zu erkennen, dass mein Gewicht nicht definiert wer ich bin. Dass mein Körper nicht definiert, wer ich bin. Dass ich einen Körper habe, aber viel mehr bin als nur mein Körper.

Um dein Gewicht zu tolerieren und hoffentlich irgendwann zu akzeptieren, ist es wichtig, dass du dich fragst: Wer bin ich ohne die Essstörung? Was kann ich vielleicht besser als andere? Was sind meine positiven Eigenschaften? Hör' dir gerne die Podcastfolge Nr. #19 zu diesem Thema an.

Man kann Akzeptanz trainieren. Man kann Selbstfürsorge trainieren. Und deswegen möchte ich dir abschließend einen Satz mitgeben, den du dir in dein Handy einspeichern kannst, oder du schreibst ihn dir mit Lippenstift auf deinen Spiegel, oder klebst ihn als Post an deinen Computer, so dass du ihn immer sehen kannst.

Ich möchte ihn jetzt gerne mit dir einmal zusammen sagen – ich sage ihn einmal vor und dann sagen wir ihn zusammen:
Mein Gewicht definiert nicht meinen Wert. Ich bin geliebt und wertvoll, so wie ich jetzt gerade bin.  

Du bist auf dem richtigen Weg.

 

Alles Liebe,

deine Oona

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