#25 Fitnesssucht und Sportzwang: Wie du eine positive Beziehung zu Bewegung bekommst

Wie bekomme ich meine Fitnesssucht in den Griff? Was hilft mir um den Drang nach Bewegung endlich loszulassen?
Welche alternativen Strategien kann ich nutzen um eine gute Beziehung zu Bewegung aufzubauen?

 

Ich weiß aus eigener Erfahrung und aus vielen Nachrichten, die mich erreicht haben, dass Sportsucht und Bewegungszwang Themen sind, die unfassbar viel Raum einnehmen. Im Alltag und im Heilungsprozess. Das liegt natürlich nicht nur daran, dass sie einfach zeitlich sehr intensiv sind, sondern auch, weil man denkt, dass dieser Zwang unglaublich schwierig aufzulösen ist.

 

Ich möchte dir heute ein paar Schritte erklären, die mir unglaublich geholfen haben, die Hintergründe der Sportsucht zu verstehen und dir atürlich auch einige praktische Tipps mitgeben, wie du Anfangen kannst deine Sportsucht zu „lockern“.

 

Ich hoffe, dass du ganz viele Erkenntnisse für dich aus der heutigen Podcastfolge mitnehmen kannst und freue ich mich natürlich auf den Austausch über Instagram bei @oonamasté.

 

Mein eigener Weg mit der Essstörung führte aus der Bulimie direkt in die Sportsucht. Ich habe schon in einer anderen Podcastfolge darüber gesprochen (ich glaube es war die Folge: 04 Selbstliebe und Instagram).

 

Und der erste spannende Punkt in diesem Zusammenhang ist, dass ich das zu diesem Zeitpunkt für mich ganz anders wahrgenommen habe. Ich hatte den Eindruck, dass Kraftsport mir dabei hilft gesund zu werden und die Essstörung zu heilen.

 

Ich möchte in der heutigen Podcastfolge über meine Erfahrungen sprechen, auch darüber weshalb ich mittlerweile eine positive Beziehung zu Bewegung habe. Außerdem geht in dieser Folge auch darum, wie du dich selber dabei unterstützen kannst deinen Bewegungszwang Stück für Stück loszulassen und wieder so Sport zu machen, dass er dir Spaß macht.

 

Ich habe Kraftsport damals für mich entdeckt und gedacht: "Ja, das könnte mein Weg sein. Wenn ich viel Sport mache, muss ich schließlich auch viel Essen um Muskeln aufzubauen."

 

Ich habe quasi gegessen, weil ich wusste, dass die Energie für den Sport brauche. Und nicht, weil ich verstanden habe, dass mein Körper einfach so Energie und Kalorien braucht, auch wenn ich mich nicht bewege.

 

Auf einmal habe ich mich noch mehr mit Nährstoffen auseinandergesetzt als vorher. Habe versucht immer proteinreicher zu essen. Protein-Pancakes, Protein-Puddings, Proteindies Proteindas. Zu dem Zeitpunkt stand gar nicht mehr im Fokus, besonders wenig zu wiegen, sondern ein Sixpack zu haben. Definierte Bauchmuskeln. Einen flachen, muskulösen Bauch. Und nach dem Sixpack, dann einen tollen Po. Squats. Und dann wäre es eigentlich noch toll, wenn die Arme schlanker und definierter zu haben.

 

Beim Fitness ging es bei mir nicht darum den Körper anzunehmen, sondern ihn verdammt nochmal so zu formen wie ich das möchte. Ich habe nicht trainiert, weil es mir wichtig war, dass mein Körper ausreichend Bewegung hat und vital ist, sondern weil ich Kalorien verbrennen wollte. Weil ich weniger Fett haben wollte.

 

Und am Anfang hat das auch funktioniert. Ich erinnere mich, dass ich das Gefühl hatte: "Ja, das ist der richtige Weg für mich. Ich esse, bewege mich. Bekomme einen starken Körper, der gesund ist."

 

Ich habe Erfolge gesehen. Habe mir immer eingeredet, dass ich mir erlaube alles zu essen. Und, dass ich hauptsächlich Muskeln zunehmen werde.

 

Aber Proteinkekse sind halt auch Kekse mit Extra Protein, und im Endeffekt, egal wie viel Protein du isst, wenn dein Körper versorgt ist und genug hat, führt auch Protein als überschüssige Kalorien zur Gewichtszunahme.

 

Ich habe zum damaligen Zeitpunkt keine Kalorien getracked. Gemüse war okay, Kohlenhydrate habe ich nur nach dem Training gegessen und Protein quasi immer. Snacks und süße Sachen habe ich ebenfalls nur gegessen, wenn sie viel Protein hatten.

 

Und das Problem war, dass ich relativ schnell gemerkt habe, dass es auch mit endlosen Fitnessübungen nicht möglich ist, die eigenen Körperproportionen oder Veranlagungen zu verändern. Also habe ich wieder angefangen eine Diät zu machen. Für mich selber, habe ich das allerdings so gerechtfertig: "Es ist wichtig, dass mein Körper keine verarbeiteten Kohlenhydrate mehr isst."

 

Ich habe diese ganzen Gedanken gehabt, während ich zeitgleich Ernährungswissenschaften studiert habe und alles, aber wirklich alles bis ins kleinste Detail über Ernährung wusste. Wie wichtig Kohlenhydrate sind. Wie Energie im Körper verstoffwechselt wird.

 

Und trotzdem konnte ich diese Transferleistung aus meinem Studium in mein Leben nicht machen. Ich konnte selber nicht sehen, auf welchem Level ich zu dem damaligen Zeitpunkt schon war. Wie tief ich in der Sportsucht drin gesteckt habe.

 

Und so gab es, genau wie in meiner Essstörung, auch in der Sportsucht verbotene Lebensmittel.

Während ich die ganze Woche super low-carb gegessen habe, habe ich am Wochenende Cheat-Days gemacht. Und ganz ehrlich, also Cheat-Days sind für jemanden, der eine Bulimie hat, quasi so als würde man sich selber in den Kopf schießen. Sorry für den Ausdruck. Aber im Ernst. Es gibt nichts Gefährlicheres als Cheat-Days. Und ich glaube auch, dass ein Großteil der Menschen, ohne Essstörung regelmäßig Cheat-days machen, am Ende ein gestörtes Verhältnis zu ihrer Ernährung haben. Also echt.

 

Für alle, die nicht wissen was Cheat-Days sind: Das ist quasi ein ausgewählter Tag, an dem man alles essen kann, was man will. Also wirklich alles. Super ungesund. Fettig. Frittiert. Schokoladig. Alles einfach. Und dann geht man Abends völlig überfressen und träge mit einem schlechten Gewissen ins Bett und nimmt sich vor, in der nächsten Woche dafür wieder richtig durchzuziehen. Ernährungstechnisch.

 

Es gab genügend Videos, die teilweise richtige Challenges daraus gemacht haben: 10.000 Kalorien an einem Tag. Okay, thanks. But no thanks.

 

Der Ursprungsgedanke ist, dass man zum einen mit der erhöhten Kalorienzufuhr den Stoffwechsel „ankurbelt“ und zum anderen den Heißhunger auf die ganzen verbotenen Lebensmittel stillt. Aber eigentlich macht man sich damit jede Form von intuitivem Essen kaputt.

 

Für mich war das aber irgendwie ein Konzept was zum damaligen Zeitpunkt sinnvoll geklungen hat. Ich war total in diesem Diät-Cheat-Day Ding gefangen. Nach außen, war ich die supersportliche Studentin, die Ernährungswissenschaften studiert, ein Sixpack hat und total gesund lebt.

Innen war ich einfach nur unglücklich. Ich habe mich weiterhin viel zu viel mit anderen Frauen (natürlich auch auf Instagram) verglichen und fand mich immer noch zu „undefiniert“. Meine Cheat-Days sind ausgeartet, ich habe mich immer so elendig gefühlt. Also wirklich körperlich schlecht. Und dann, weil ich keine Forschritte gesehen habe, habe eine Zeit lang Fettburner genommen, die so stark waren, dass mein Herz manchmal gestolpert ist.

Von denen ich zweimal ohnmächtig geworden bin. Ich glaube, ich habe das noch nie erzählt. Das hat was mit Selbstwert zu tun. Wenn deine Seele so sehr leidet, dass du bereit bist alles dafür in Kauf zu nehmen. In Kauf zu nehmen, dass dein Körper leidet.

Und ich weiß, dass ich irgendwann einfach maximal frustriert war. Ich habe keine Veränderungen mehr festgestellt. Keine Fortschritte. Mein Alltag hat sich komplett um das Training orientiert. Wenn das Fitnessstudio geschlossen hatte ist eine Welt für mich zusammengebrochen. Oder wenn im Restaurant das falsche Dressing schon auf dem Salat drauf war. Oder es keine proteinreiche Beilage gab. Und ich habe trotzdem nicht gemerkt, dass da etwas nicht stimmt. Ich dachte ich bin auf dem richtigen Weg. Raus aus der Essstörung.

Aber eigentlich habe ich meine Bulimie mit den Problemen dahinter einfach nur verlagert ohne, dass ich es selber gemerkt hätte.

Und dann kam irgendwann der Punkt, wo ich einfach aufgehört habe ins Fitnessstudio zu gehen. Nicht sofort. Aber schrittweise. Weil ich mich wirklich gequält habe. Der anfängliche Spaß war einfach weg. Ich musste mich selber überreden zum Sport zu gehen.

Zum gleichen Zeitpunkt habe ich mit dem Rauchen aufgehört und wieder mit dem Laufen angefangen. Der einzige Grund warum ich mit dem Laufen angefangen habe, war dass ich wusste, dass man beim Laufen an meisten Kalorien verbrennt. Zweckgebunden. Und es hat mir geholfen nicht zu rauchen. Außerdem wusste ich dass man vom Aufhören zunimmt und das Laufen passt da doch eigentlich ganz gut.

Von Beginn an bin ich immer mit einer Laufapp gelaufen. Mindestens 5 km. Dann 10 km. Als ich die 10 km Marke geknackt hatte, musste ich immer mindestens 10 km Laufen. Manchmal hatte mein Handy keinen Akku mehr und konnte nur die Hälfte der Trainingszeit aufzeichnen. Oder ich habe einfach währenddessen den falschen Knopf gedrückt und die ganze Aktivität weg war weg. Das war ein Albtraum. Das alles für nichts. Wenn es nicht ausgezeichnet wurde, zählte es auch nicht.

Irgendwann bin ich dann 15 km sogar teilweise über 20 km gelaufen. Trotz Blasen. Trotz Knieschmerzen. Egal. Ich musste jeden Samstag diese 15 km – 20 km laufen. Mindestens 15. Bestens 22. Ich habe trotzdem nicht mehr gegessen. Ich würde nicht sagen, dass Laufen mir Spaß gemacht hat. Zumindest nicht diese langen Strecken. Das habe ich mir eingeredet. Dass es mir gut tut. Laufen hat mir ungefähr 7 km Spaß gemacht. Alles darüber bin ich gelaufen, weil mein innere Ehrgeiz und der Bewegungszwang mir gesagt haben, dass ich laufen muss.

Im Anschluss ans Laufen habe ich immer ein kurzes Stretching Video von einer Youtuberin gemacht. Yoga for Runners. Ich fand das immer so klasse und habe mich danach wirklich total gut gefühlt, aber Yoga war zu diesem Zeitpunkt als Sport total ausgeschlossen, weil man damit ja nicht so viele Kalorien verbrennt.

Ich habe gemerkt, dass diese Art von Bewegung meinem Körper gut getan hat, sodass ich schrittweise immer weniger Workout und mehr Stretching gemacht habe. Und so dann über Umwege zum Yoga gekommen bin.

Das hört sich jetzt so an, als wäre die Lösung bei einem Bewegungszwang ganz simpel: Nämlich einfach aufhören. So easy ist es natürlich nicht. Aber es gibt ein paar Dinge, die du kannst um bewusster mit deiner Sportsucht umzugehen und dich schrittweise davon zu lösen.

Bei mir war es so, dass ich meine Fitnesssucht nicht separat geheilt oder speziell therapiert habe. Die Tatsache, dass sich das gelöst hat war quasi ein By-product von meiner gesamtheitlichen Heilung der Essstörung.

Und bei mir war es so, dass ganz viele Gründe, die für die Essstörung verantwortlich waren, sich auch in der Sportsucht wiedergefunden haben. Um deine Sportsucht zu lösen, reicht es nicht einfach sich zu zwingen mit dem Sport aufzuhören. Sondern du musst an die Wurzel gehen. Dahin wo deine Zweifel, Verunsicherungen, negativen Glaubenssätze und Überzeugungen herkommen.

Das erste, was du tun musst um im nächsten Schritt deine Fitnesszwänge abzulegen, ist, dass du dir eingestehen musst, dass dein Fitness- oder Bewegungspensum deutlich zu hoch ist und nichts damit zu tun hat, dass Bewegung gut für den Körper ist. Ohne diese Erkenntnis, kannst du nichts an der Situation verändern.

Um dich schrittweise von deinem exzessiven Sportverhalten zu entfernen musst du dir das erst einmal selber eingestehen. Das tut weh. Vielleicht hast du deine eigene Strategie gefunden um dein Sportpensum vor anderen und damit auch vor dir selbst zu rechtfertigen. Ich mache das um zuzunehmen. Ich möchte Muskeln aufbauen, damit mein Körper gesund ist. Ich kümmere mich um meinen Körper und achte darauf, dass er genug Bewegung und nährstoffreiches Essen bekommt. Ich bin viel an der frischen Luft.

Aber um diese Fitnesssucht zu heilen und vom Bewegungszwang zu einem normalen und guten Verhältnis zu kommen, dich zu bewegen, weil es dir Spaß macht und deinem Körper damit einen Gefallen tust, musst du erkennen, dass dieser Sport ein Bestandteil deiner Krankheit ist. Und du musst herausfinden, wie du diesen Bestandteil vor dir selber rechtfertigst.

Frag dich doch mal: Was gibt mir diese Bewegung?  Worin bestätigt mich das? Innerlich, aber auch von außen.

Wie viel Spaß macht mir der Sport, den ich jetzt gerade mache? Wie viel Spaß macht mir das Fitnessstudio wirklich? Ist das etwas, was ich tun würde, auch wenig damit nur wenig Kalorien verbrennen würde?

Welcher Sport würde mir Spaß machen, aber ich verbiete es mir, weil es nicht „sportlich“ genug ist?  Nicht genügend Kalorien verbrennt?
Was ist mein Gefühl, wenn mein Fitnessstudio unerwartet geschlossen hat?  Oder wenn du nicht so Sport machen kannst, wie du es geplant hast?

Welches Gefühl taucht auf, wenn ich meine Aktivität nicht mit einem Handy oder einer Fitnessuhr tracken kann?

Es hilft auch ungemein, die Antworten zu diesen Fragen aufzuschreiben, weil das Ganze dadurch noch realer und weniger verwirrend ist. Und du Gedanken ganz klar nachvollziehen kannst.

Ich bin der Meinung, dass die Sportsucht, genau wie die Essstörung unterschiedliche Wurzeln hat. Und eine davon ist das Selbstwertgefühl.

Dieser Zwang Sport zu machen hängt mit dem eigenen Selbstwertgefühl und den negativen Glaubenssätzen zusammen, die du über dich selber hast. Auch wenn es dabei viel um dein Äußeres geht, ist der eigentliche Ursprung nicht, dass man gerne schlanke Oberschenkel hätte, sonder,  dass man sich im tiefsten Kern nicht geliebt fühlt.

Inwiefern wird mein Leben durch diese Fitnesssucht besser? Ganz rational. Wie verbessert sich mein Leben, wenn ich das körperliche Ideal erreiche, dass ich im Kopf habe?  Vielleicht denke ich „Dann bin ich endlich zufrieden“ oder „Dann werde ich von anderen gemocht".

 

Wie messe ich meine sportliche Aktivität? In Minuten, in Schritten, Kilometern, verbrannten Kalorien? Runden? Abläufen?
Was passiert in meinem Kopf, wenn ich statt 5 km nur 4,5 km laufe? Habe ich dann das Gefühl, dass ich nicht gut genug bin? Was macht das mit mir?

Was passiert, wenn ich es nicht schaffe mein normales Sportpensum zu halten? Denke ich, dass ich ein Versager bin? Dass ich schlechter bin als die anderen?

Denke ich dann, dass es mir nicht zusteht einfach zu essen, wenn ich mich nicht bewege? Weil ich glaube, dass ich etwas dafür tun muss, um mir bestimmte Dinge zu verdienen? Essen, oder vielleicht auch Liebe oder vielleicht auch Zuneigung? Habe ich das Gefühl, dass das, was ich bin, nicht ausreicht?

Viele dieser Fragen gehen sehr tief. Und manchmal fällt es schwer diese Fragen sofort zu beantworten. Gib’ dir Zeit. Es ist okay, wenn es Fragen gibt, auf die du nicht sofort eine Antwort hast. Es kann auch helfen, wenn du dir diese Fragen im Rahmen einer Beratung oder Therapie stellst, weil du dann jemanden hast, der dir einen Rettungsring zuwerfen kann, wenn du das Gefühl hast abzusaufen.

Sei neugierig was kommt. Und versuche nicht deine Gedanken in eine bestimmte Richtung zu lenken. Alles darf kommen. Guck einfach was sich zeigt, ohne es direkt zu bewerten.

Warum habe ich das Gefühl, dass ich von anderen nicht gemocht werde? Hängt das damit zusammen, dass ich mich vielleicht selber nicht mag?

Weil ich denke, dass ich nicht gut genug bin? Dass ich nicht richtig bin, so wie ich bin? Dass ich es nicht verdient habe mich auszuruhen? Warum ist das so?

Was für Assoziationen habe ich vielleicht mit Menschen, die keinen Sport machen? Faul. Undiszipliniert. Ziellos. Wertlos? An welche Eigenschaften denke ich, wenn ich dicke Menschen sehe? Völlig wertungsfrei.

Und warum habe ich das Gefühl, dass ich nicht faul sein kann? Oder mich ausruhen? Weil ich nur gut und wichtig bin, wenn ich etwas dafür tue gemocht zu werden?

 

Und das ist das, wo sich der ganze Kreis wieder schließt. Diese negativen Glaubenssätze über dich selber wirken wie ein Katalysator für die Sportsucht. Um die Essstörung und den Bewegungsdrang loszulassen kommst du nicht drum herum diese Überzeugungen tief in dir,  anzugucken.

Du siehst man kann dieses Fragespiel mit sich selber ziemlich gut weiterführen. Aber damit das funktioniert ist es wichtig, dass du offen und neugierig bist. Ohne deine Antworten zu verurteilen oder zu bewerten. 100 %ige Ehrlichkeit. Ohne geht es nicht. Im ersten Schritt einfach wahrnehmen. Du kannst später was dagegen tun.

Die erste Wurzel ist das eigene Selbstwertgefühl und die zweite Wurzel ist die Bedeutung die Bewegung oder Sport für dich hat. Was dir Sport oder Fitness unterbewusst Positives gibt.

Für mich war Fitness und die Zeit in der ich zum Sport gegangen bin immer eine Art Ruhepol. Ich hatte mein Fitnessstudio gleich um die Ecke und das war irgendwie wie ein kleines Universum für sich.

 

Ich habe mich gut aufgehoben gefühlt. Ich hatte meine Abläufe, kannte größtenteils die Menschen. Und die meisten davon fand ich sogar ganz nett. Ein Fitnessstudio ist eigentlich ein bisschen ein Kino. Man sitzt zwar nebeneinander aber ist jeder in seinem eigenen Film. Man kann sich sogar einfach die Kopfhörer aufsetzen und hat einen Grund sich ohne blöde Nachfragen einfach mal zurückzuziehen. Und das kann unglaublich beruhigend sein. Fitness hat mir immer ein Zusammengehörigkeitsgefühl vermittelt. Sicherheit.

Ein Ort, an dem sich nicht viel verändert und eigentlich auch nicht viel Unvorhergesehenes passiert. Ein Ort, an dem man selber bestimmte Dinge verändern kann, wenn man das möchte, aber nur selten dazu gezwungen wird etwas zu verändern. Es sei denn die Geräte stehen woanders, oder so (was für mich übrigens früher ein absolutes No-Go war).

Ein Fitnessstudio ist ein Safe-Place. Ähnlich wie eine Routine.

Wenn du zum Beispiel jeden Morgen mindestens eine Stunde spazieren gehen musst, dann ist in gewisser Art deine Routine. Und eine Routine gibt dir Sicherheit. Du musst nicht darüber nachdenken, welchen Situationen du heute begegnen könntest, oder welche Herausforderungen auf dich warten. Einfach Spazieren gehen. Erst einmal einfach Spazieren gehen. Routinen sind wichtig. Sie helfen uns beim Weitermachen.

Geben uns Sicherheit und eine Richtung in unserem Alltag. Indem wir ja eigentlich nie wirklich wissen, was passiert. Routinen schaffen in völliger Unwissenheit ein kleines bisschen Halt. Und Halt ist so essenziell. Meine Routinen sind mir unfassbar wichtig. Genau aus dem Grund. Weil sie mir Halt und Sicherheit geben. Aber ich habe mittlerweile eine Alternative zum Sport gefunden. Und zwar mit etwas, das mir wirklich guttut.

Viele von uns machen Sport, weil sie da den Kopf so gut frei kriegen können. Einfach mal nicht denken. Nur die Bewegungsabläufe. Schritt für Schritt. Wiederholung für Wiederholung.

Während wir uns darauf konzentrieren unseren Körper zu bewegen können unsere Gedanken einfach nur sein. Fließen.

Nimm dir Zeit, um herauszufinden, welche positive Bedeutung Sport für dich hat.
Nimm dir Zeit, um diese positiven Aspekte anzuerkennen. Die Sicherheit, die Routine und auch die Tatsache, dass man beim Sport die Gedanken einfach loslassen kann.

Um deinen Bewegungszwang loszulassen, ist es ist wichtig, dass du das anerkennst. Genauso wie bei der Essstörung. Du musst herausfinden, warum du die Essstörung brauchst, was sie dir gibt, um dann im nächsten Schritt eine alternative Strategie zu entwickeln. Und beim Sport ist es genau gleiche. Welche alternative Aktivität, kann dir das geben, was dir Bewegung und Sport gibt.

Wobei fühlst du dich sicher? Womit kannst du eine neue Routine für dich schaffen? Und was erlaubt es dir einfach mal abzuschalten?

Vielleicht ist es etwas Handwerkliches? Vielleicht Reiten oder Tanzen?  Nähen, oder töpfern? Vielleicht hilft es dir Geschichten zu schreiben, weil du dabei super abschalten kannst? Oder Mandala Malen (ich bin übrigens ein wahnsinniger Fan von Malen nach Zahlen und  finde das unfassbar entspannend und so befreiend für den Kopf).

Oder du liest in der Zeit. Vielleicht gibt es ein Instrument, das du schon immer mal ausprobieren wolltest.

Wichtig ist, dass es bei deiner Self-Care Aktivität um etwas handelt, dass dir wirklich guttut. Und das kann am Anfang auch schwierig sein, weil man sich fragen muss: Was tut mir denn eigentlich gut? Und vielleicht stellst du fest, dass du das gar nicht weißt. Jetzt noch nicht. Kein Problem. Du kannst auch einfach verschiedene Dinge ausprobieren und dann gucken, ob dir das guttut oder eher nicht.

Statt zum Beispiel einfach nur alleine Spazieren zu gehen und deinen Bewegungsdrang auszuleben, ist es vielleicht eine coole Idee bei einem Tierheim in deiner Nähe zu fragen, ob du vielleicht mit einem Hund spazieren gehen kannst?

Oder du nutzt einen Teil deiner Zeit im Fitnessstudio, dazu deinen Körper zu dehnen und Verspannungen zu lockern.

Ich sage damit nicht, dass du deine Bewegung sofort und 100%ig mit etwas anderem ersetzen sollst, aber probiere doch einfach erst einmal nur einen Teil des Sports etwas anderes zu machen. Also wenn du 1 Stunde läufst, machst du zunächst 15 Minuten deine eigene Selfcare-Routine. So wie ich damals mit dem Laufen und dem Stretching. Und wenn das mit den 15 Minuten gut klappt, machst du statt 15 Minuten beim nächsten Mal 30 Minuten. So verringerst du die Dauer des ursprünglichen Sports und ersetzt sie mit etwas Positivem, dass dir aber trotzdem Sicherheit und Routine bietet. Und dir die Möglichkeit den Kopf auszuschalten.


Mein damaliger Bewegungsdrang ist mittlerweile zu 100% ersetzt. Und eine Sache, die dir extrem dabei helfen kann, ist Meditation. Weil Meditation genau das ist: Sicherheit, Routine und die Gedanken loslassen. Falls du dich noch nicht mit Meditation auseinandergesetzt hast, ist es meine absolute Herzensempfehlung das zu tun. Meditation kann dir auf so unfassbar vielen Ebenen bei der Heilung deiner Essstörung und der Akzeptanz deines neuen Körpers helfen. Und hat mir auch dabei geholfen einen anderen Zugang zu mir selbst zu finden.

Was ich damit eigentlich sagen will: Meditation, Tagebuch schreiben, mehr in deine spirituelle Praxis einzutauchen, dass alles sind Dinge die dir dabei helfen deinen Bewegungsdrang loszulassen und dich gleichzeitig dabei unterstützen an den Wurzeln deiner Essstörung zu arbeiten.

Yoga hat natürlich bei mir auch eine große Rolle gespielt. Und ich glaube, dass Yoga besonders dann, wenn dein Sportzwang sehr stark ist, unglaublich helfen kann, weil Yoga zwar kein explizierter Sport, aber trotzdem noch Bewegung ist und es dadurch leichter wird, Yoga als alternative Strategie vor dir zu rechtfertigen.

 

Auf der anderen Seite steht hier die Beziehung zu dem eigenen Körper im Vordergrund. Selbstfürsorge. Verständnis für dich selbst. Auch wenn Yoga am Anfang vielleicht eine andere Form von Sport für dich ist, wirst du schrittweise merken, dass da noch so viel mehr ist. Ich habe zum Thema Yoga bereits eine Podcastfolge aufgenommen und ich kann sie dir absolut empfehlen, wenn du Probleme hast dich von deinem Bewegungszwang zu lösen.

Auf meiner Website oonamaste.de findest du übrigens in dem Menüpunkt „Essstörungen heilen“, eine neue Unterseite zum Thema Yoga & Meditation. Hier habe ich noch einmal die wichtigsten Punkte zusammengefasst, unter anderem auch zu meiner persönlichen Geschichte und dir mehrere Videos verlinkt, die sich super eignen – auch wenn man noch keine Yoga- oder Meditationserfahrung hat.

Guck es dir auf jeden Fall an. Ich kann es dir nur ans Herz legen und wärmstens empfehlen.

Yoga hat nicht nur die Beziehung zu meinem Körper, sondern auch die Beziehung zu Bewegung geheilt. Dass Bewegung etwas ist, was ich für meinen Körper mache. Weil er mir wichtig ist. Dass Bewegung Spaß machen kann. Dass Bewegung etwas ist, für das ich mich nicht quälen muss.

Ich hoffe, dass dir die heutige Podcastfolge gefallen hat. Dass du dich in meiner Geschichte an der einen oder anderen Stelle vielleicht wiedererkannt hast und jetzt neue Energie hast, um deinen Bewegungszwang endlich für dich loszulassen.

 

Vielleicht denkst du auch schon darüber nach, welche alternativen Aktivitäten du für dich machen kannst? Oder, wenn dir das alles ein bisschen zu schnell ging, nimm dir doch einfach einen Zettel und Stift und hör dir die Podcastfolge nochmal an und versuche die Fragen, für dich in Ruhe zu beantworten.

Ich freue mich, wenn wir uns bei der nächsten Folge wiederhören und sage dir bis dahin: Du bist auf dem richtigen Weg.

 

Alles Liebe, deine Oona


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