#32 Warum Extremhunger ein wichtiger Teil deiner Heilung ist

Ich habe in der Vergangenheit schon eine Podcastfolge zum Thema Hungergefühl und den unterschiedlichen Phasen des Hungers aufgenommen. In der Folge ging es aber eher darum, wie man lernt dem natürlichen Hungergefühl seines Körpers zu vertrauen und warum man die Signale deines Körpers nach einer Essstörung erst einmal wieder richtig kennenlernen muss.

 

Heute aber möchte ich mit dir über Extremhunger sprechen. Für mich persönlich war das lange ein sehr schambesetztes Thema – aber etwas das auf meinem Heilungsweg sehr präsent war und mich enorm belastet hat.

 

Und ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin. Vielleicht ist es bei dir ähnlich, dass du dich sehr für deinen Extremhunger schämst und deswegen auch nicht wirklich den Mut hast um mit jemandem darüber zu sprechen oder dir da Unterstützung zu suchen.

Ich möchte diese Podcastfolge nutzen, um meine Erfahrungen mit dir zu teilen und dir Hoffnung mitgeben, dass du das durchstehen wirst. Und das irgendwann der Tag kommt, an dem du frei bist von diesem Extremhunger.

 

Wir sprechen in dieser Folge darüber, warum Extremhunger überhaupt auftritt, welche Rolle Kontrollverlust spielt und was du machen kannst, um dir diese Phase der Heilung erträglicher zu machen.

 

Und als ich letztes Wochenende die Gedanken zu diesem Thema aufgeschrieben habe, musste ich mir erst einmal die Zeit nehmen, um das alles zu strukturieren – weil Hunger so viel mit Emotionen und deiner inneren Welt zu tun hat, dass ich für mich einfach selber total emotional geworden bin und für mich durch das Schreiben noch einmal ganz viel erkannt habe. Ich weiß noch, dass ich damals, als ich die Entscheidung für Heilung getroffen habe sehr plötzlich mit Extremhunger konfrontiert war. Ich konnte nicht mehr aufhören zu essen. All die Jahre davor habe ich penibel Kalorien gezählt und Lebensmittel abgewogen und jetzt hatte ich nicht mal mehr die Willenskraft nach dem 5. Brot aufzuhören.

 

Ich erinnere mich, dass ich mich so sehr dafür geschämt habe. Ich habe mich wie eine Versagerin gefühlt. Und ich konnte mir das partout nicht erklären. Ich war immer unfassbar diszipliniert und konnte plötzlich einfach nicht mehr stoppen.

 

Ich glaube, das erste Wort, was mir einfällt, wenn ich an Extremhunger denke ist: Ohnmacht.

Komplett die Kontrolle zu verlieren und überhaupt keine Möglichkeit zu haben, das aus eigener Kraft zu beenden. Oft konnte ich erst aufhören, wenn ich komplett erschöpft war. Extremhunger ist furchtbar. Aber er gehört zur Heilung der Essstörung dazu. Und vor allem bist du nicht alleine damit.

 

Extremhunger löst Scham aus. Das Gefühl versagt zu haben. Weil man plötzlich, das Einzige in dem man wirklich gut war, nämlich Kontrolle, verloren hat.

Ich hab damals teilweise mehr gegessen als mein Ex-Freund, der fast 2 Meter groß war. Das war mir unangenehm. Es war unangenehm mir unter den skeptischen Blicken meiner Familie noch einen Nachschlag zu nehmen oder in der Mittagspause 3–4 belegte Brötchen zu essen.

 

An dieser Stelle vielleicht kurz ein paar Worte an Angehörige, Freunde oder Familie: Wenn ihr einen lieben Menschen in eurem Umfeld habt, der aktuell auf dem Weg aus der Essstörung ist und der quasi ohne Unterbrechung isst: Bitte kommentiert es nicht. Es ist so schwer damit umzugehen und ein: „Du isst aber ganz schön viel“ macht es nicht besser. Unterstützung anbieten, Da sein, aber bitte keinen Kommentar zum Essverhalten.

 

Das Problematische beim Extremhunger ist, dass der erste Impuls ist, ihn streng zu kontrollieren. Ihn zu unterbinden. Ihn wegzudrücken. Damit er dich auf keinen Fall überwältigt und dafür sorgt, dass du die Kontrolle verlierst.

Weil er so übermächtig ist. Weil es oft nur einen Bissen zu viel braucht, damit der Hunger in einen Essanfall übergeht. Weil Extremhunger Angst macht. Und man das Gefühl hat, dass es niemals anders werden kann.

 

Das Erste, was ich dir mitgeben möchte, ist, dass Extremhunger ein wichtiger Abschnitt auf deinem Heilungsweg ist. Extremhunger ist normal. Du bist nicht alleine damit. Es ist nicht so, dass etwas mit dir nicht stimmt, weil du nach so langer Zeit der Kontrolle plötzlich unter Essanfällen leidest.

 

Ich weiß nicht, ob du die Minnesota Study kennst – falls nicht, möchte ich kurz ein paar Worte dazu sagen. Bei dieser Studie handelte es sich um ein medizinisches Experiment das 1944 an der Universität von Minnesota durchgeführt wurde. Die Studie trägt den Titel: Minnesota Starvation Experiment.

Der Versuch bestand darin, dass eine Gruppe von Kriegsdienstverweigerern sich unter Beobachtung über Monate freiwillig einer extremen Mangelernährung unterzog, um danach verschiedene Methoden der gesundheitlichen Wiederherstellung anzuwenden.

 

Die allgemeinen Ergebnisse sind super spannend und ich kann jedem empfehlen, die Studie zu lesen um einfach das Konzept Essstörung und die damit zusammenhängenden Symptome besser zu verstehen.

 

Es geht mir aber insbesondere um eine Sache, die anhand dieser Studie deutlich wird. Während der ersten 12 Wochen der Wiederherstellung nach der Hungerphase war der Appetit unersättlich. Vielen fiel es schwer mit dem Essen aufzuhören, obwohl sie bis zum „Platzen vollgestopft“ waren. Sie leckten weiterhin ihre Teller ab. Während der 13. Woche, als die Beschränkungen aufgehoben wurden, nahmen die Männer im Durchschnitt 5218 Kalorien zu sich. Von 17 Personen, die das Experiment gemacht hatten, berichteten 15, dass sie von 50 bis 200 Prozent mehr als vorher verzehrten und oft naschten.

 

Die sogenannte „Starvation-period“ im Experiment, also die Zeit, in der die Männer nur die Hälfte der benötigten Kalorien gegessen haben, war 6 Monate. Ein halbes Jahr. Mich hat die Essstörung fast 6 Jahre begleitet. Andere sind seit über 10 Jahren oder 15 Jahren essgestört. Dementsprechend kannst du dir vorstellen, dass der Extremhunger nicht von heute auf morgen weggehen wird. Deswegen ist ein Jahr mit Extremhunger völlig normal. Oder Zwei. Ich weiß selber, wie schwer es fällt, diese Kontrolle abzugeben. Aber genau das ist ein Teil des Heilungsweges.

 

Nur wenn du anfängst, wirklich nach deinem Hungergefühl zu essen, wird dein Körper mit der Zeit verstehen, dass er dir Hunger nur dann signalisiert, wenn er auch wirklich etwas braucht. Es ist völlig normal, dass dein Körper nach so einer langen Zeit der Restriktion einen Bärenhunger hat. Versuche verständnisvoll zu sein. Auch, wenn es schwerfällt.

 

Wieder in die Restriktion zu gehen, bedeutet, dass dein Körper nicht zu seinem natürlichen Rhythmus zurückkommen kann und du weiterhin in diesen Essanfällen und dem Hungern gefangen bleibst. Das bedeutet auch, dass es keine verbotenen Lebensmittel geben darf.

 

Es ist übrigens spannend was im Kopf passiert, wenn Verbote aufgehoben werden. Ich habe mir noch selbst lange nach meiner Essstörung Pasta und Brot verboten. Das war ein Riesenthema für mich. Und ich hatte teilweise so Heißhunger, dass ich diese Lebensmittel gar nicht eingekauft habe, weil ich wusste, dass ich mich nicht kontrollieren kann.

Und dann, als ich diese Verbote im Zuge meiner finalen Heilung aufgehoben habe, war natürlich erst mal der Appetit und dieses Verlangen auf Pasta riesig. Und ich habe ständig Pasta und Brot gegessen. Und irgendwann war irgendwie dieser Anreiz weg. Es war ja nicht mehr verboten. Und jetzt kann ich zu jeder Tag und Nachtzeit Pasta und Brot essen, wenn ich das will. Will ich aber nicht, weil dieses Verbot nicht mehr da ist. Das bedingt sich quasi gegenseitig. Sobald etwas verboten ist, wird es interessant. Wenn dieses Verbot aufgehoben wird, ist zunächst ein riesiges Verlangen da, aber irgendwann ist es einfach „nur“ noch Pasta und Brot.

 

Du musst nicht von heute auf morgen alle Verbote aufheben. Du kannst dir eine gute Basis schaffen mit gesunden und nährstoffreichen Lebensmitteln, die du kennst und dann fängst du einfach an, jeden Tag was Neues dazuzunehmen. Du musst nicht mit geschlossenen Augen aus deiner Komfortzone springen. Sondern du kannst deine Komfortzone, als Grundlage nehmen, um von da immer einen Schritt weiterzugehen und Kontrolle abzugeben.

 

Übrigens glaube ich, dass es deutlich einfacher ist Kontrolle bewusst abzugeben, als Kontrolle zu verlieren. Auch wenn da zunächst vielleicht kein großer Unterschied ist, passiert was in deinem Kopf, wenn du bewusst entscheidest: "Ich gebe diese Kontrolle jetzt ab und vertraue"

 

Wenn wir nämlich Kontrolle verlieren, dann hat das viel mit Verkrampfen und Misstrauen zu tun. Weil wir um jeden Preis an dieser Kontrolle festhalten wollen, aber es einfach nicht schaffen. Wenn wir aber aus uns heraus diese Entscheidung treffen und sagen: "Ich lasse diese Kontrolle los" – dann ist sie sowieso schon weg und wir können sie gar nicht mehr verlieren. Ich hoffe, du verstehst was ich meine.

 

Frag dich doch mal: Was ist so schlimm daran Kontrolle abzugeben? Was passiert, wenn du dich nicht kontrollieren kannst? Was denkst du über dich?  Dem Hunger nicht nachzugeben ist damit vergleichbar, dass du Müdigkeit nicht nachgibst. Obwohl du todmüde bist, zwingst du dich wach zubleiben. Obwohl du Hunger hast, zwingst du dich zur Kontrolle.

 

Mir hat es immer geholfen, das von Außen zu betrachten. Was verändert sich, wenn ich diesem körperlichen Bedürfnis jetzt nachgebe?  Höchstwahrscheinlich kann ich nicht mehr aufhören. Vielleicht fühle ich mich schlecht. Vielleicht muss ich sogar weinen. Vielleicht hasse ich mich dafür, dass ich so viel gegessen habe.

Aber das ist es dann auch. Mehr passiert nicht. Und es ist wichtig, sich das immer wieder ins Gedächtnis zu rufen: Extremhunger ist kein Weltuntergang. Das ist ein Teil deiner Heilung. Ein Abschnitt. Und irgendwann ist dieser Teil vorbei.

 

Die Angst vor Extremhunger ist auch immer mit der Angst vorm Zunehmen verknüpft. Ich würde dir gerne folgende Frage mitgeben: Was passiert, wenn du temporär 10 kg zunimmst? Warum wird dein Leben dadurch schlechter? Warum hast du das Gefühl als Mensch dadurch weniger wert zu sein? Versuche diese Situation mal von außen zu betrachten und frage dich ganz rational: Was werden diese 10 kg mehr verändern?

 

Alles, was als Antwort kommt, ist etwas das auch jetzt schon da ist. Wenn du das Gefühl hast, dass du dann nicht mehr geliebt wirst, kann es sein, dass du dich jetzt nicht geliebt fühlst. Wenn es so ist, dass du das Gefühl hast, dass du dann nicht mehr wichtig bist, dann liegt es daran, dass du jetzt das Gefühl hast unwichtig zu sein. Daran musst du arbeiten. Es hat nichts mit dem Gewicht zu tun, diese Überzeugungen sind jetzt schon da.

 

Und selbst wenn du 10 kg über dein Ausgangsgewicht zunimmst – diese Zunahme ist temporär. Sie ist nichts im Vergleich zu dem Rest eines Lebens, in dem du keine Kalorien mehr zählst, genießen kannst und frei von essgestörten Gedanken bist. Aber damit du das für dich abschließen kannst, ist es wichtig, dass du diese Kontrolle abgibst.

 

Und es ist vollkommen normal damit überfordert zu sein. Umso wichtiger, dass du auf deinem Heilungsweg jemanden hast, der dich professionell unterstützen kann.

Denn oftmals ist dieser Extremhunger nicht nur körperlich. Das klingt immer so kitschig, aber es ist ein Hunger nach Leben.

 

Ein Hunger nach neuen Erfahrungen und Emotionen. Dieser Hunger zeigt, dass du noch lebst. Dass du noch da bist. Nach all dieser Zeit, in der du nur noch überlebt hast, bist du immer noch da. Und jetzt bist du bereit wirklich zu leben. Du bist bereit aufzublühen und endlich all das zu sein, was in dir ist.. Und damit du blühen kannst, brauchst du diesen Hunger. Auf all das, was in diesem wundervollen Leben auf dich wartet.

 

Versuche achtsam mit dir zu sein. Immer wieder innezuhalten und dich zu fragen: Wie geht es mir heute? Was brauche ich? Und was brauche ich WIRKLICH? ;-) Vielleicht habe ich gar keinen Hunger, sondern möchte einfach nur in den Arm genommen werden? Vielleicht möchte ich einfach gerade nicht alleine sein und versuche diese Leere mit Essen zu füllen? Vielleicht stehen die Süßigkeiten, die ich täglich essen muss eigentlich für Liebe und Zuneigung, die mir fehlt.

 

Die zwei effektivsten Tools auf meinem Heilungsweg waren Wahrnehmen und Reflektieren. Am besten funktioniert das in Form von Meditation oder in Form von Journaling, also dem Aufschreiben von Gedanken. Es geht darum, dass du offen bist für das was kommt. Und anfängst dich zu beobachten.

Ich habe zu den wichtigsten Learnings auf meinem Heilungsweg bereits eine eigene Podcastfolge aufgenommen, die ich dir wirklich ans Herz legen kann, weil Wahrnehmung und Reflexion einfach nachhaltig so viel bei mir verändert hat.

 

Abschließend möchte ich dir noch mitgeben, dass ein verständnisvoller und liebevoller Umgang mit dir selbst essenziell ist um mit dem Extremhunger umzugehen. Auch, wenn du dich nach einem Essanfall furchtbar fühlst und es schwer ist dir zu verzeihen. Es ist der einzige Weg, um langfristig davon loszukommen.

 

Es hilft nicht nach so einem Tag noch mehrere Stunden Sport zu machen, um Kalorien zu verbrennen. Es hilft nicht, sich vorzunehmen morgen weniger zu essen, um die Kalorien des heutigen Tages zu kompensieren.

 

Was hilft ist: Gemütliche Sachen anziehen und etwas Schönes machen. Sich selber etwas Gutes tun. Vielleicht einen kleinen Spaziergang oder ein bisschen Yoga, wenn der Körper das möchte. Ablenkung hilft.

 

Der Heilungsweg ist schon schwierig und steinig genug. Du musst nicht so hart zu dir selber sein. Du hast es verdient, dass du dich auf diesem Heilungsweg auch ab und zu verwöhnst. Und dafür musst du nicht irgendwas Bestimmtes schaffen oder leisten.

 

Ich hoffe, dass dir diese Podcastfolge gefallen hat und dass du jetzt verstanden hast, dass Extremhunger ein wichtiger Abschnitt auf deinem Heilungsweg ist, den du nicht überspringen kannst. Und vor allem wünsche ich mir natürlich, dass du weißt, dass dieser Extremhunger nicht ewig bleibt.

 

Ich freue mich, wenn wir uns bei der nächsten Podcastfolge wiederhören und sage dir bis dahin:

Du bist auf dem richtigen Weg.

 

Alles Liebe,

deine Oona

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