#48 Essanfall: Was du nach einem Kontrollverlust tun kannst

Herzlich willkommen hier im Oonamaste-Podcast schön, dass du heute dabei bist.

Ich hoffe es geht dir ganz wunderbar und selbst wenn es dir nicht wunderbar geht und du aktuell mit der Situation strugglest, mit deinem Heilungsweg strugglest oder womit auch immer strugglest , dann kannst du jetzt grade in diesem Moment, unglaublich stolz auf dich sein, weil du dich trotz dieser ganzen äußeren Umstände, dazu entschieden hast, diese Podcastfolge zu hören und Zeit und Energie in dich und in deine seelische Gesundheit zu investieren. Und das ist einfach wahnsinnig wertvoll.

Genauso wertvoll, wie Oonamaste-Mitglied zu werden oder den Weekly Mindful Reminder zu abonnieren. Denn diese Mitgliedschaft ist nichts anderes als eine Investition in dich und deinen Weg aus der Essstörung.
Sich wirklich aktiv mit der eigenen Heilung zu beschäftigen und zwar aus einer inneren Motivation heraus, das ist ein riesiger Erfolg – den du auch für dich anerkennen kannst.

Und wenn du mehr über die Oonamaste-Mitgliedschaften erfahren willst, dann findest hier weitere Informationen.

In der heutigen Folge möchte ich gerne mit dir über etwas sprechen, was mich selber sehr intensiv auf meinem Heilungsweg begleitet hat und dich vielleicht auch begleitet, aber du nicht weißt, wie du es lösen sollst. Ich möchte heute mit dir über Essanfälle sprechen.

Denn Essanfälle sind ein Bestandteil ganz vieler Essstörungen, aber sie werden viel zu selten thematisiert, weil es unangenehm ist darüber zu sprechen.

Aber du weißt ja, dass dieser Podcast dafür da ist, um dir Antworten zu genau diesen Themen zu geben.

Ich werde dir heute erzählen, welche Erfahrungen ich auf meinem Heilungsweg mit Essanfällen gesammelt habe (das waren tatsächlich einige) und was für Tipps mir geholfen haben.

Und vielleicht bist du grade an dem Punkt, dass du vor Kurzem einen Essanfall hattest, möglicherweise sogar heute oder gestern und du nicht weißt, wie du wieder zurück in die Spur kommst – wie du nach so einer Erfahrung am besten weitermachen kannst.

Auch darüber möchte ich in dieser Folge mit dir sprechen, denn das was nach einem Essanfall im Kopf passiert, hat viel größere Auswirkungen als der Essanfall selbst.

Heimlich zu essen und die Kontrolle dabei zu verlieren ist ein Gefühl, dass wirklich Angst machen kann. Wie bereits eben erwähnt hatte ich sowohl in meiner schlimmsten Phase der Essstörung, als auch später auf meinem Heilungsweg immer wieder Essanfälle.

Rückblickend würde ich zwischen zwei Arten von Essanfällen unterscheiden, nämlich die, die als aktiver Teil der Essstörung, also bei mir der Bulimie stattfinden und die Essanfälle, die quasi als Nebenprodukt der Heilung stattfinden.

Ich hatte besonders kurz bevor ich die Entscheidung für Heilung getroffen habe, eine sehr lange und intensive bulimische Phase – die mich einfach komplett vereinnahmt hat. Ich hatte keine Zeit mehr für irgendwas anderes. Ich habe Einkäufe geplant, habe teilweise Schulstunden geschwänzt und bin dann nach Hause gegangen und habe wie ferngesteuert einfach nur gegessen. Gegessen, gegessen, gegessen. Es gab keine Portionsgrößen mehr, es gab keine Kontrolle mehr, kein Sättigungsgefühl – allgemein keine Gefühle.


Ich kann mich noch erinnern, dass dabei immer der Fernseher lief, aber ich gar nicht darauf geachtet habe, was ich da gucke, weil ich so im Tunnel war.


Und irgendwann hatte ich einen Moment, wo diese ganzen Packungen und Tüten und Essensreste auf dem Tisch und überall in der Küche verteilt lagen und ich mich so geschämt habe, weil dachte: Wenn mich jetzt jemand so sieht – wenn mich jetzt meine Mutter so sehen würde – was mache ich wenn sie jetzt einfach früher als erwartet nach Hause kommt. Und ich habe mich so geschämt.

Und das ist dieser Moment, wo dieses High, was das Essen kurzfristig auslöst, plötzlich weggeht. Wo man wieder in der Realität ankommt. Und wo einem bewusst, was zur Hölle man da eigentlich grade gemacht hat.

Und wenn man das realisiert, dann kommt die Scham. Dann kommen die körperlichen Schmerzen, das Gefühl sich nicht mehr bewegen zu können. Wertlos zu sein. Nicht diszipliniert zu sein. Die Angst, dass diese Unmengen an Kalorien, die man grade gegessen hat, einen über Nacht 10 kg schwerer werden lassen.

Und jedes Mal nach dem Essanfall, habe ich mir geschworen, es nie wieder zu tun. Jedes Mal. Und ich bin so oft gescheitert. Teilweise noch am selben Tag. Teilweise mehrmals.

Das ist die erste Art von Essanfällen. Die zweite Art ist, wie schon gesagt ein Nebenprodukt der Heilung der Essstörung.

Vielleicht erinnerst du dich, dass ich in einer meiner früheren Podcastfolgen, ich glaube es war die Folge in der erzähle, wie ich die Entscheidung für Heilung getroffen habe, darüber spreche, wie ich Weihnachten auf Fuerteventura verbracht habe und dass ich an Silvester zurückgekehrt bin.

Ich habe im Flugzeug Tortellini gegessen – ich erinnere mich noch so gut daran, weil ich mir da im Flugzeug das Versprechen gegeben habe, dass ich diese Tortellini wirklich drin behalten werde. Und ich weiß noch, dass ich an dem Abend auf eine Silvesterparty in einem Restaurant mit meinem damaligen Freund eingeladen war. Es gab ein großes Buffet und ich habe mich an mein eigenes Versprechen aus dem Flugzeug erinnert und wollte es an diesem Abend besonders gut machen.

Also habe ich entschieden mir nichts zu verbieten und diesen Abend einfach wirklich zu genießen. Und es war auch richtig schöner Abend, bis mein Freund mich plötzlich aus einem Nebenraum des Restaurants geholt hat, wo ich dabei war, mit den Händen aus diesen Metall-Trays zu essen. Natürlich heimlich.

Und in dem Moment, lief genau das Gleiche in meinem Kopf ab, wie schon damals in der Essstörung. Ich habe mich für den Kontrollverlust geschämt. Ich habe mich absolut furchtbar gefühlt und wollte mich am liebsten einfach übergeben, um zumindest die Kalorien wieder loszuwerden.

Ich hatte so oft Situationen auf meinem Heilungsweg, in denen ich mich an den Tisch gesetzt habe mit dem Vorsatz die Pizza, oder die Nudeln oder das Gericht, welches vor mir stand zu essen – und dann, wenn ich angefangen habe zu essen, plötzlich nicht mehr aufhören konnte, sodass ich so viel gegessen habe, weil ich in dem Moment schon die Entscheidung gefällt hatte, dass ich mich sowieso übergebe.

Das ist dann dieser Moment, wo man denkt: Jetzt ist es auch egal. Ich mache das jetzt trotzdem. Verstehst du was ich meine?

Und da ich diese Situationen so oft hatte und sie lange Zeit immer wiederholt habe, weil ich nicht wusste, wie ich darauf besser reagieren kann, ist es einfach ein sehr großes Herzensbedürfnis von mir, meine Erkenntnisse, die ich mittlerweile daraus ziehen konnte mit dir zu teilen.

Zunächst ist es so, dass das Gefühl, was nach dem Essanfall auftaucht, oftmals das Gleiche ist. Wenn auch aus anderen Gründen. Egal ob du tief in der Essstörung steckst oder auf deinem Heilungsweg bist – das Gefühl ist sehr ähnlich.

Der Selbsthass, warum man es nicht einfach gelassen hat. Die Frustration, dass man es nicht geschafft hat. Die Scham, dass man wieder die Kontrolle verloren hat. Die Angst, dass man unendlich viel zunehmen wird. Das Wichtigste und einfachste, was du nach einem Essanfall machen kannst ist: Atmen.
Einmal tief durchatmen. Abstand gewinnen zu der Situation, die grade stattgefunden hat.

Es ist alles okay. Du hast nicht versagt. Du hast weder deinen Fortschritt kaputt gemacht noch deinen Heilungsweg ruiniert.

Das ist mir wirklich ganz, ganz wichtig. Ich hatte das Gefühl, ich muss die Tage, an denen ich keinen Essanfall hatte immer genau zählen und sobald ich dann doch mal einen Essanfall hatte, muss ich wieder bei 0 Anfangen.

Du musst nicht wieder von vorne anfangen. Du kannst da weitermachen wo du jetzt grade bist. Mit dieser Erkenntnis, die du jetzt grade hast.

Und vielleicht ist diese Erkenntnis: Ich würde es gerne anders machen. Vielleicht erkennst du, was genau passiert ist. Bei diesem Essanfall. Wann war dieser Moment, wo der Automatismus eingesetzt hat? Was ist vorher passiert? Wie ging es dir heute? Welche Situation hat dich möglicherweise getriggert einen Essanfall zu haben?

Was auch immer es ist – du musst es weder bewerten, noch zerdenken. Sondern einfach nur wahrnehmen. Aha – da war etwas, dass das in mir ausgelöst hat. Spannend. Oder vielleicht war es einfach ein altes Verhaltensmuster, welches sich wieder eingeschaltet hat, weil du aktuell einfach mit deinem Heilungsweg überfordert bist.

Egal, welche Gedanken kommen, versuche neugierig zu bleiben. Denn je mehr Stress du dir nach einem Essanfall machst, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass du unterbewusst versuchst diesen Stress mit noch einem weiterem abzubauen.

Du musst dich nach einem Essanfall nicht in die Versager-Schublade stecken. Überhaupt nicht. Denn die Tatsache, dass du im Nachhinein darüber nachdenkst und feststellst, dass du es eigentlich doof findest, wie du reagiert hast, zeigt den Wachstumsprozess.

Wahrzunehmen, dass man es rückblickend gerne anders gemacht hätte, bedeutet, dass man die Situation zumindest teilweise reflektiert hat.
Und auch wenn du es die nächsten 10 Male immer noch nicht schaffst, den Automatismus des Essanfalls zu unterbrechen, wirst du feststellen, dass du trotzdem daran wächst. Und irgendwann wird dieser Punkt kommen, wo du dich anders entscheiden kannst. Zumindest war das bei mir so.

An dem Punkt, an dem du, mit der Erfahrung, die du gemacht hast, merkst, jetzt bin ich kurz davor, das eigentliche Essen in einen Essanfall zu verwandeln und das möchte ich nicht. Ich entscheide mich anders und gehe stattdessen ein paar Minuten an die frische Luft und überlege mir, was genau dieses Bedürfnis mich zu überessen ausgelöst hat.

Das braucht viel Übung. Und vor allem braucht es einen Plan, was man machen kann, wenn man in dieser Situation ist. Und diesen Plan sollte man sich vorher überlegen, weil in diesem akuten Moment oft keine Zeit zum Überlegen bleibt.

Zum Beispiel hat es mir geholfen jemanden anzurufen, egal wen. Oder einen Spaziergang zu machen. Die Wohnung zu verlassen oder mir ganz bewusst ein paar Minuten für mich zu nehmen.

Und wenn es nicht klappt und der Essanfall doch kommt, dann gibt es nur einen Weg: Verzeihen. Niemand hat etwas davon, wenn du dich selbst geißelst und dich bestrafst. Außer vielleicht die Essstörung. Aber das wollen wir ja nicht. Du darfst dir verzeihen. Du bist gut und wertvoll auch, wenn du einen Essanfall hattest. Du bist liebenswert und versuchst dein Bestes. Und das ist alles was zählt.

Wichtig ist nur, dass du nach diesem einen Essanfall nicht alles hinschmeißt – nach dem Motto: Jetzt ist habe ich es ja sowieso verbockt.
Hast du nicht. Es ist ein Tag, der nicht so gelaufen ist, wie du es dir vorgestellt hast. Ein Moment. Mehr nicht. Und du kannst diesen Moment jetzt abhaken. Er ist vorbei. Und es ist viel besser seine neue Energie auf das zu richten, was kommt, als auf das, was war. Denn den Essanfall können wir nicht rückgängig machen.

Aber wir können uns entscheiden, wie wir danach weitermachen. Neben dem Verzeihen, ist eine andere wichtige Sache das Essen. Klingt paradox, aber um Essanfälle langfristig zu reduzieren, war es für mich unglaublich wichtig an meinem „normalen Essverhalten“ trotz der Anfälle festzuhalten.

Das heißt, nicht zu versuchen Mahlzeiten nach einem Essanfall einzusparen, auch wenn es verdammt schwer ist. Das heißt, nicht exzessiv Sport zu machen, um Kalorien zu verbrennen, obwohl man das Gefühl hat, man müsste es tun.
Es ist verdammt schwer, keine Frage. Aber für mich war es der einzige Weg um langfristig zu einem normalen Essverhalten zurückzukehren.

Bevor ich das gemacht habe, war ich irgendwann tief in der Spirale aus Essanfällen und Hungern gefangen. Je mehr Essanfälle ich hatte, desto mehr habe ich dazwischen gehungert. Sodass ich irgendwann nur noch gegessen habe, wenn ich einen Essanfall hatte, nur um mich im Anschluss zu übergeben.

Ein absoluter Teufelskreis, den man nur durchbrechen kann – wenn man sich nicht selbst austrickst, sondern wirklich dranbleibt und weiterhin regelmäßige Mahlzeiten isst.

Last but not least hat es mir wahnsinnig geholfen, mir die Zeit nach einem Essanfall wirklich so leicht wie möglich zu machen. Mir also lockere Kleidung anzuziehen, die nicht einschneidet. Mir eine Wärmflasche zu machen, die Bauchschmerzen lindert – oder einen Fencheltee.
Und in dieser Zeit nach dem Essanfall besonders liebevoll und gut zu mir zu sein. Auch wenn es verdammt schwer ist – ich weiß, wie unmöglich das klingt.

Aber vielleicht kannst du ja einfach mal versuchen, das nächste Mal nach einem Essanfall anders darauf zu reagieren und dir selbst die Chance geben, es zumindest mal auszuprobieren.


Vielleicht versuchst du es mit einer der Meditationen, die ich aufgenommen habe oder du legst dich mit einem deiner Lieblingshörspiele ins Bett? Egal was es ist, die Hauptsache ist, dass es hilft dir.

Und ich kann dir aus eigener Erfahrung versichern, dass es besser wird. Es dauert, es fühlt sich teilweise aussichtlos an, aber es wird besser. Und das wichtigste: Es lohnt sich. Es lohnt sich so sehr, deswegen versuche weiterzumachen.

Schritt für Schritt. Tag für Tag. Du bist auf dem richtigen Weg.

Alles Liebe,
deine Oona

Werde OONAMASTE-MITGLIED!

 

Unterstütze meine Arbeit auf Steady, schließe jetzt deine Mitgliedschaft ab und erhalte Zugriff auf den Weekly Mindful Reminder und exklusive Q&A's, in denen ich auf deine persönlichen Fragen antworte.

 

Werde Teil der kostenlosen Oonamasté Community Group - hier ist Platz für deine Sorgen, Fragen, Ängste und Herausforderungen, denn ich habe selber auf meinem Heilungsweg der Essstörung festgestellt, wie hilfreich es sein kann sich mit anderem Betroffenen auszutauschen.

 

Ich freue mich auf dein Feedback bei Instagram @oonamaste oder über das Kontaktformular.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0