#53 Fitnessapps und Schrittzähler: Tracking nach der Essstörung - ja oder nein?

Ich liebe meine Smartwatch mit der Schrittzähler- und Kalorienfunktion. Kann ich sie während der Heilung meiner Essstörung tragen, obwohl sie mich unterbewusst beeinflusst?

 

Was genau liebst du an ihr? Die Möglichkeit alle Aktivitäten genau zu dokumentieren? Das Tracking der Schritte? Oder die Anzeige der verbrannten Kalorien? Wenn du ehrlich zu dir bist, stehen alle Antworten, die auf diese Frage kommen, in direkter Verbindung zu deiner Essstörung.

 

Das Problematische an Smartwatches ist, dass sie uns subtil und unterbewusst beeinflussen. Was passiert, wenn du weniger Schritte pro Tag gehst oder weniger Kalorien verbrennst? Wie beeinflusst es deine Stimmung, wenn du diese Ziele nicht erreichst. Wahrscheinlich fühlst du dich unter Druck gesetzt und versuchst vielleicht sogar, das Ziel auf Biegen und Brechen zu erreichen.

 

Wie du bereits weißt, bin ich ein großer Fan davon, vom Sehen ins Spüren zu kommen. Weg von der Frage: "Wie sieht es aus?" hin zu "Wie fühlt es sich an?".

 

Mit einer Smartwatch am Handgelenk ist es sehr schwer diesen Schritt zu gehen.

Jede Form von Dokumentation, sei es in Form von einer Waage, einem Kalorientracker für Mahlzeiten, einem Spiegel oder einer Laufapp steht zwischen dir und deinem Körpergefühl.

 

Solange du dein Aktivitätslevel misst und dich pusht mehr Schritte zu gehen oder zumindest auf die Anzahl vom Vortag zu kommen, kannst du nicht hören was dein Körper dir sagt. Braucht er vielleicht Ruhe? Erholung? Ein bisschen Yoga statt einem Workout? Und selbst, wenn du hören kannst, was dir dein Körper sagt, wird es deutlich schwerer sein, diesem Bedürfnis nachzugeben, wenn du schwarz auf weiß sehen kannst, dass du dein Ergebnis vom Vortag nicht erreichen wirst.

 

Ich nutze keine Laufapps oder Schrittzähler mehr, weil sie auch bei "gesunden" Menschen dazu führen, dass der Kontakt zum eigenen Körper gestört wird.

 

Wozu musst du wissen, wie schnell du läufst, wenn du spüren kannst, ob es die richtige Geschwindigkeit für deinen Körper ist?

Wozu musst du wissen, wie viele Schritte du gegangen bist, wenn dein Körper dir Signale sendet, sobald er sich bewegen möchte?

 

Wozu musst du wissen, wie viele Kalorien du pro Tag gegessen hast, wenn dein Körper genau die Menge verlangt, die er entsprechend deines Aktivitätslevels, und deiner körperlichen Verfassung an diesem Tag benötigt?

 

Du siehst, worauf ich hinaus will. So interessant eine Smartwatch auch sein mag, sie blockiert dich darin in Kontakt mit dir selbst zu kommen.

 

Und darum geht es doch schlussendlich, oder? Ich kann mir vorstellen, dass du dir wünscht, die Smartwatch irgendwann ohne unterbewussten Druck am Handgegelenk zu tragen, allerdings solltest du dir auch hier die Frage stellen, warum du das möchtest?

 

Bewegungszwang ist ein Aspekt der Essstörung, der gesellschaftlich deutlicher akzeptierter ist als Bulimie oder Binge-Eating. Aus diesem Grund ist es umso wichtiger sich selbst zu fragen: Warum will ich das eigentlich?

 

Auch wenn der Schritt, sich von der Smartwatch zu trennen, kein leichter ist, verspreche ich dir, dass die Schritte auf deinem Heilungsweg danach deutlich einfacher werden, denn sobald du dich von einer Kontrollinstanz löst, hast du Raum und Zeit in Kontakt mit dir zu kommen.

 

Zu spüren, was du brauchst. Zu fühlen, was du möchtest und dir diese Bedürfnisse auch zu erfüllen. Ohne schlechtes Gewissen oder inneren Druck ausgelöst durch ein kleines technisches Gerät am Handgelenk.

 

Ich weiß, dass du das schaffen kannst.

 

Du bist auf dem richtigen Weg.

 

Alles Liebe,

deine Oona 

 

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