#55 Das Problem mit Recovery-Accounts: Wie Instagram deine Heilung behindert

Instagram ist bei vielen Menschen mittlerweile ein fester Bestandteil des Alltags. Wir teilen alles Mögliche: Einblicke in unseren Alltag, in unsere Gedanken- und Gefühlswelten. Ob und was du auf Instagram teilst, bleibt letztendlich dir überlassen, aber ich möchte trotzdem ein paar Dinge zum Recovery-Account sagen, da ich mich insbesondere in den letzten Monaten vermehrt damit auseinandergesetzt habe.

 

Vorab: Ich hatte nie einen wirklichen Recovery Account, dachte ich zumindest bis vor einigen Wochen. Der aktuelle Oonamasté-Account auf Instagram ist kein Recovery-Account, da ich zwar über Heilung spreche, aber selbst nicht mehr krank bin. 

 

Was ist ein Recovery-Account?

 

Kurz und knapp erklärt: Ein Recovery-Account nimmt die Follower auf den eigenen Heilungsweg mit. 

 

Als Person, die mehrere Stunden täglich auf Instagram verbringt und sich mit dem Thema Essstörungen beschäftigt, bin ich zwangsläufig mit Recovery-Accounts auf dieser Plattform in Kontakt. 

 

Ich verstehe den Hintergrund dieser Accounts, denn zusammen ist man bekanntlich weniger allein. Durch den Podcast weiß ich sehr gut, wie wichtig es ist, sich verstanden zu fühlen und Gleichgesinnte zu finden. 

 

Es kann motivieren, zu sehen, wie weit andere schon gekommen sind, oder was sie sich vielleicht auf ihrem Heilungsweg schon zutrauen. 

 

Ich sehe aber auch die Problematik, die solche Accounts mit sich bringen. 

 

Gefangen in Likes 

 

Jede*r die/der auf Instagram bereits aktiv war, wird wissen, wie gut sich anfühlt, plötzlich Likes zu bekommen, die Followerzahl wachsen zu sehen und Kommentare von völlig fremden Menschen zu erhalten. 

 

Erwiesenermaßen macht diese Art der Bestätigung ein bisschen süchtig. Wir wollen mehr Likes, Follower und Kommentare und teilen dafür die Inhalte, die der Algorithmus, am liebsten mag. 

 

Wenn ich einen Recovery-Account eröffne, auf dem ich meinen persönlichen Heilungsweg teile, dann mag das zwar hilfreich sein, kann aber auch dazu führen, dass ich ab einem bestimmten Punkt meines Heilungsweges nicht mehr weiterkomme. 

 

Warum? Meine Follower folgen mir wegen genau diesem Content. Meinem eignen Heilungsweg. Wenn ich also merke, dass ich gesünder werde und mich vielleicht sogar anfange mich für andere Themen zu interessieren, werde ich weniger Likes bekommen. Daher kann ich bis zu einem bestimmten Punkt gesund werden, aber die Essstörung nicht vollständig loslassen.

 

Gefangen in der Essstörung 

 

Wenn ich einen Recovery-Account habe, dann dreht sich alles, was ich auf Instagram poste, um meinen eigenen Heilungsprozess. Es ist absolut essenziell sich mit den Ursprüngen und Mustern der Essstörung auseinanderzusetzen, aber mindestens genauso wichtig ist es, sich Raum und Zeit ohne die Essstörung zu schaffen. 

 

Mit einem Instagram-Account zum Thema "Essstörung" ist und bleibt der Mittelpunkt des Alltags die Essstörung (wenn auch mit einem anderen Ansatz). Zusätzlich wird man selbst ganz unweigerlich zur Ansprechperson für viele Menschen. Ich bin der Meinung, dass ein Austausch für beide Seiten hilfreich sein kann, wenn allerdings konkrete Fragen zum Essen oder zur Bewegung (Wie viel hast du gegessen? Wie viel hast du pro Tag zugenommen?) gestellt werden, rutscht man selbst schnell in die Rolle einer Person mit Expertise (die man zu diesem Zeitpunkt nur bedingt hat) 

 

Anderen Menschen Tipps zu geben, die aus einer subjektiven Erfahrung entstanden sind, können sehr gefährlich sein. 

 

Ein Recovery-Account wirkt im schlimmsten Fall sogar triggernd, weil man in Form von Nachrichten ständig mit dem essgestörten Verhalten anderer konfrontiert ist. 

 

Gefangen in einer Illusion

 

Jede essgestörte Person, die sich für Heilung entscheidet, beginnt einen ganz individuellen Weg. Auf diesem Weg gibt es manchmal Sackgassen und falsche Abzweigungen. Der Heilungsweg ist alles - aber nicht linear. 

 

In dem Moment, in dem ich mich dazu entscheide meinen Heilungsprozess auf Instagram zu teilen, weiß ich allerdings nicht, ob und wie viele Rückschläge ich haben werde. 

 

Es kann also sein, dass ich motiviert starte und nach einigen Monaten einen Rückfall erleide. Was dann? Entweder entscheide ich mich dazu 100% ehrlich zu sein und erzähle meinen Followern davon oder aber ich verschweige meinen Rückfall und tue weiter so, als würde mein Heilungsweg ganz ohne Stolpersteine verlaufen. 

 

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es besonders bei wachsender Followerzahl sehr schwer fällt, sich Rückschläge einzugestehen. 

 

Wenn ich jetzt auf meinen Heilungsweg zurückblicke, dann gibt es bestimmt fünf Momente, in denen ich das Gefühl hatte, wirklich final geheilt zu sein, nur um dann feststellen zu müssen, dass ich in eine Sackgasse gelaufen war (Stichwort: Sportsucht). Diese vermeintliche Heilung auf Instagram zu teilen, wäre für meine Follower wahrscheinlich fatal gewesen.

 

Last but not least: Instagram ist nur ein Ausschnitt, aber niemals der komplette Alltag. Anhand von Bildern lässt sich nicht beurteilen, wie viel jemand wirklich isst oder wie wenig sich jemand tatsächlich bewegt. Jede Person wählt diesen Ausschnitt selbst und kann damit ein subjektives und oft optimales Bild von sich selbst präsentieren. Daher ist es essenziell, dass wir nicht alles glauben, was wir auf Instagram sehen und uns vor allem nicht vergleichen. 

 

Ich bin der Meinung, dass es gerade auf Social Media umso wichtiger ist, Zeit ohne die Essstörung zu verbringen und sich den Raum, der so lange besetzt war zurückzuholen. 

 

Was interessiert dich? Tierschutz?  Musik? Reisen? Bücher? Vielleicht kannst du ja einmal darüber nachdenken, welche alternativen Themen dich auf deinem Account beschäftigen könnten? 

 

Im Endeffekt bleibt es dir selbst überlassen, ob du einen solchen Account führen möchtest - aber ich kann dir mit meiner Erfahrung sagen, dass ich dir wirklich empfehlen kann, die Essstörung nicht Mittelpunkt deines digitalen Lebens werden zu lassen. 

 

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