#57 Wie du es schaffen kannst deinem eigenen Weg zu vertrauen

*Triggerwarnung Gespräche übers Sterben*

 

Heute möchte ich gerne mit dir ein bisschen über das Leben an sich sprechen, über Entscheidungen und Veränderungen und insbesondere aber darüber, wie man es schaffen kann seinem eigenen Weg zu vertrauen.

 

Denn egal ob Essstörung oder nicht, wir alle kommen in unserem Leben immer wieder an einen Punkt, an dem wir zweifeln und uns fragen, ob das wirklich der richtige Weg für uns ist.

Aber wie finde ich den richtigen Weg? Und woher weiß ich, dass dieser Weg tatsächlich meiner ist und nicht nur das Ideal, was mir von der Gesellschaft vorgelebt wird?

 

Ob der Weg, den ich gehe, wirklich der richtige für mich ist, hängt in erster Linie davon ab, was ich will.

Aber woher weiß ich, was ich will? Wie finde ich raus, ob ich wirklich studieren will oder Kinder haben möchte oder ob ich nur das Gefühl habe gewisse Erwartungen erfüllen zu müssen. 

 

Das Leben ist kompliziert – denn wenn wir mal ehrlich sind, wäre es sonst doch ziemlich langweilig. Sims hat auch immer am meisten Spaß gemacht, wenn man Rhythmen und Gewohnheiten unterbrochen hat. Warum denken wir, dass es im wirklichen Leben genau umgekehrt sein muss?

 

Der eigene Weg ist ein Thema, was mich selbst im Rahmen meiner Essstörung sehr intensiv beschäftigt hat und es auch heute noch weiterhin tut. Deswegen hoffe ich, dass du mir verzeihen kannst, wenn wir inhaltlich vielleicht mal Schlangenlinien laufen oder große Ausflüge machen, bevor wir wieder zum Kernthema zurückkehren. Das liegt unter anderem auch daran, dass diese ganzen Themen irgendwie miteinander verworren sind – dein eigener Weg, deine eigenen Erwartungen, die Frage, was du vom Leben willst oder erwartest, aber auch, mit welchen Menschen du dich umgibst, welche Träume oder Zukunftswünsche du hast. 

 

Vor allem aber geht es um das Vertrauen in den eigenen Weg. Auch wenn du noch nicht genau weißt, wohin er führt. Ich möchte mit dir heute darüber sprechen, wie sehr es mir geholfen hat dem Leben und meinem Weg wieder zu vertrauen, und dir erklären, wie du es für dich schaffen kannst dieses Vertrauen ebenfalls aufzubauen.

Ich hoffe, dass dieser Blog dir dabei hilft, deinen eigenen Weg besser zu verstehen oder vielleicht sogar einen anderen Weg einzuschlagen.

 

Was will ich? Diese Frage hat mich eigentlich begleitet, seitdem in meinem Kopf weniger Essstörung und mehr Platz für andere Gedanken war. Denn vielleicht als kleine Sidenote – wenn essgestörte Gedanken den Alltag füllen bleibt kein Platz für Sinn- oder Zukunftsfragen, das ist ja auch ein Grund, weshalb man sich teilweise endlos im Kreis dreht, weil die Vorstellung ein Leben ohne die Essstörung zu führen gar nicht möglich ist, weil keine Energie für Vorstellungen da ist.

 

Wenn aber wieder mehr Platz im Kopf ist, kann es sein, dass mit anderen Sinnfragen auch diese immer wieder auftaucht.

Was will ich? Ist manchmal wie ein schwarzes Loch, in dem alles und nichts möglich ist. Wie möchte ich mein Leben gestalten? eröffnet so viele verschiedene Versionen und Konzepte, dass man möglicherweise Angst hat, sich überhaupt damit auseinanderzusetzen und stattdessen einfach das macht, was die Mehrheit der Menschen im eigenen Umfeld machen. Was nicht bedeutet, dass dieser Lebensentwurf besser oder schlechter ist – es stellt sich aber die Frage: Ist es dein Lebensentwurf? Ist es das, was du wirklich willst? Wo wir wieder bei der Ursprungsfrage wären – was will ich eigentlich?

 

Vielleicht ist es dafür wichtig, sich lieber früher als später mit dem Gedanken auseinanderzusetzen, dass dieses Leben endlich ist. Es gab in den vergangenen Jahren mehrere Situationen, die dazu geführt haben, dass ich mich konkret mit diesem Gedanken auseinandersetzen musste. Ich habe keine Angst zu sterben – aber ich finde es trotzdem befremdlich übers Sterben nachzudenken. Du siehst – we are digging deep today.

 

Zu realisieren, dass wir nur dieses eine Leben haben, hat bei mir in vielerlei Hinsicht dazu geführt, dass ich große Veränderungen realisieren konnte. Dass ich Entscheidungen treffen konnte, für die ich davor nicht den Mut hatte.

Wenn du meine Geschichte im Soulfood Journey Buch gelesen oder die dazugehörige Podcastfolge gehört hast, weißt du, dass die Entscheidung für Heilung genau aus einem solchen Moment geboren wurde. Falls du die Geschichte noch nicht kennst, kannst du dir die Podcastfolge #55 anhören.

 

Es sind genau die Entscheidungen in unserem Leben, die uns zum Verzweifeln bringen, die das größte Wachstumspotential bergen. Weil sie uns mit unseren Ängsten konfrontieren, weil sie uns aufzeigen, was wir versuchen zu verdrängen oder wovon wir uns unterbewusst ablenken. Aber oft haben wir zu große Angst davor einen Weg zu gehen, der uns unbekannt ist.

Wir fühlen uns unsicher, vielleicht sogar hilflos. Diese Ängste führen dazu, dass wir uns lieber in unserer Komfortzone bewegen und damit auf Wachstum verzichten. Weil das, was wir kennen, vielleicht langweilig, aber dafür sicher ist.

 

Und ganz manchmal kommt ein Mensch oder ein Moment in unser Leben, der uns diese Angst nehmen kann oder sie zumindest relativiert. Und in vielen Fällen ist dieser Moment, wenn wir realisieren, dass wir nicht für immer hier sind. Es gibt immer wieder Menschen, für die ist die Diagnose einer tödlichen Krankheit laut eigener Aussage das Beste, was Ihnen passiert ist. Warum?

Weil sie vor ihrem Tod noch all die Dinge tun wollen, für die sie nie Zeit oder Mut hatten. Weil sie bereit sind, sich zu verändern und Lebensträume zu realisieren. Aber ist es nicht eigentlich so, dass wir bereits alle eine tödliche Diagnose haben?

 

Wir werden alle irgendwann sterben – so hart es klingt. Und dieses irgendwann ist in unserer Vorstellung oft weit, weit in der Zukunft. Aber irgendwann kann genauso gut nächste Woche sein. Oder in 5 Jahren. Ich möchte dir mit dieser Vorstellung auf keinen Fall Angst machen, aber um Mut für Entscheidungen zu entwickeln, ist es nötig zu wissen, dass man sie nicht ewig treffen kann.

 

Ich habe meinem Freund zum Abschluss seiner Doktorarbeit im Frühjahr 2021 ein Poster geschenkt. Und musste wirklich darüber nachdenken, wie ich dieses Geschenk finde. Auf dem Poster sind lauter kleine Kästchen, die man ausmalen kann – insgesamt 4 000 Stück- ein Drittel der Kästchen war bereits geschwärzt. Dabei steht jedes dieser Kästchen für eine Woche des Lebens. 4000 Kästchen durch 52 Wochen sind insgesamt 76,9 Jahre. Wenn’s gut läuft, wird man deutlich älter, wenn es schlecht läuft, wird man überhaupt nicht so alt.

Als ich das Poster zu Hause ausgepackt habe, konnte ich spüren, wie mich die Übersicht des Lebens plötzlich unter Druck setzte. In meiner Vorstellung waren die Jahre meines Lebens bis zu diesem Zeitpunkt noch unendlich lang. Aber die einzelnen Wochen zu sehen und dann festzustellen, dass es eigentlich doch gar nicht so viele waren, wie bislang gedacht, hat mir plötzlich Angst gemacht.

 

Und mein erster Impuls war, das Poster wieder zurückzuschicken, weil es in mir ein ungutes Gefühl auslöste. Aber werden die Wochen mehr, wenn wir nicht darüber nachdenken? Vergeht die Zeit langsamer, nur weil wir uns dessen nicht bewusst sind? Nein. Und genau das ist der Punkt. Es ist schmerzhaft darüber nachzudenken, wie viel Lebenszeit uns noch bleibt.

 

Aber es ändert nichts an der Tatsache, dass unsere Lebenszeit begrenzt ist. Warum erzähle ich das alles? Weil diese Erkenntnis dir dabei helfen kann, wichtige Entscheidungen zu treffen. Und mehr noch – wenn wir uns bewusst werden, dass wir alle (und damit meine ich wirklich alle) irgendwann diese Erde verlassen, dann werden die Dinge, die uns scheinbar definieren oder wichtig sind, maximal unbedeutend.

Am Ende deines Lebens ist es egal, ob du Karriere gemacht hast oder nicht. Es ist egal, ob du dir ein tolles Auto gekauft hast oder ob du mit 25 Jahren dünn genug warst. Es ist egal. Niemand wird danach fragen. Nobody cares. Das Leben so zu betrachten mag vielleicht kalt oder ernüchternd klingen. Nichts, was ich tue, hat eine Bedeutung?

 

Nein – zumindest nicht, wenn man versucht am Ende des Lebens einen Schlussstrich zu ziehen. Du gibst den Dingen eine Bedeutung. Es geht um das Gefühl, welches du dabei hast, wenn du sie tust. Wenn du deinen Job liebst und super gerne arbeitest (obwohl Arbeit natürlich auch ein Verdrängungsmechanismus sein kann) dann go for it. Wenn du aber Überstunden anhäufst, um Bestätigung von deinem Chef zu bekommen, dann go away. Zu verstehen, dass nichts im Leben eigentlich eine langfristige Bedeutung hat, hat mir bei der Frage geholfen: Was will ich eigentlich?

 

Wenn niemand am Ende applaudiert, wie möchte ich mein Leben wirklich verbringen? Ich sage damit übrigens nicht, dass diese Entscheidung der Freifahrtschein für Leichtsinn oder Faulheit ist (auch wenn ein bisschen von beidem manchmal ganz gut ist) – Es geht eher darum, die Kernfrage von den ganzen äußeren Erwartungen und Konsequenzen zu lösen.

 

Mit Südafrika war das bei mir nicht anders. Ich hätte mir nicht im Traum vorstellen können, dass mein Arbeitgeber auf meinen Wunsch im vollen Umfang eingeht. 3 Monate Südafrika, Arbeiten aus dem Homeoffice und das auch nur 50%? Vor einem Jahr hätte ich mich nicht einmal getraut darüber nachzudenken, geschweige denn wirklich zu fragen.

 

Was ist also, wenn ich diese Frage von allen äußeren Erwartungen (beruflich und privat) löse? Warum sollte es nicht gehen? Was spricht dagegen?

 

Es geht nicht – ist oft unser erster Impuls, obwohl wir es noch gar nicht probiert haben. Der Wunsch längere Zeit im Ausland zu bleiben, wurde bei mir während der ersten Phase der Coronapandemie immer größer. Warum? Weil mir plötzlich schwarz auf weiß vor Augen geführt wurde, dass es vielleicht irgendwann nicht mehr möglich sein wird.

 

Quasi eine ähnliche Erkenntnis wie die, dass das Leben begrenzt ist. Zurück aber zu der Kernfrage: Wie schaffe ich es, meinem eigenen Weg zu vertrauen? Was ist es denn eigentlich, was einen Weg ausmacht? Wenn du nur gerade ausgehst, dann folgst du blind einem vor getrampelten Pfad. Erst wenn du an Weggabelungen kommst und dich entscheiden musst, ob du links oder rechts gehst, entsteht der Weg.

 

Der eigene Weg besteht also aus Entscheidungen. Manchmal entscheidest du dich für eine Abzweigung und musst nach kurzer Zeit feststellen, dass der Weg dicht bewachsen ist und du nur mühsam vorankommst. Oder aber, er ist glitschig und nass vom Regen und lässt deine Schritte unsicher werden. Wenn der Weg, den wir gewählt haben, schwierig und fast unbezwingbar wirkt, zweifeln wir oft daran, ob wir nicht lieber die andere Abzweigung hätten nehmen sollen. 

Wenn wir dann aber einige Zeit später auf unseren Weg zurückblicken, stellen wir oft fest, dass diese Erfahrung, die wir damals gemacht haben, eine bestimmte Funktion hatte und uns dabei geholfen hat etwas zu lernen, etwas zu verstehen oder zu hinterfragen. Manchmal dauert es etwas, den Zusammenhang zu erkennen, weil er sich nicht immer kurzfristig zeigt – aber ich kann von mir selbst sagen, dass es keine Entscheidung und keine Erfahrung in meinem Leben gibt, die ich bereue.

 

Und vielleicht kannst du für dich einmal überlegen, in welchen schwierigen Situationen du bereits gesteckt hast – wie viele dieser Erfahrungen sind rückblickend notwendig gewesen, um etwas Bestimmtes daraus mitnehmen zu können?

Vielleicht gibt es schmerzhafte oder traumatische Erfahrungen, bei denen du keinen Zusammenhang erkennst. Das ist okay. Ich sage damit auch nicht, dass es gut ist, solche Erfahrungen machen zu müssen oder dass das, was passiert ist, richtig war – aber in irgendeiner Form werden sie dazu beitragen, dass du als Person wachsen kannst. Vielleicht noch nicht jetzt, aber irgendwann.

 

Wenn du anfängst, zu sehen, dass die Dinge, die in deinem Leben passieren, ein Teil deines Weges sind und schlussendlich immer dazu beitragen, dass du dich entwickeln und verändern kannst – ist es möglich, den Blick auf zukünftige Situationen zu verändern. Was kann ich daraus lernen? Wie kann ich daran wachsen? Welche Erkenntnis, nehme ich aus Situation für mich mit?

Die Sicht auf dein Leben zu verändern ist der erste Schritt, um ein Grundvertrauen in deinen eigenen Weg aufzubauen. Everything happens for a reason. Und ich kenne den Grund noch nicht, aber ich kann, so wie auch schon in der Vergangenheit, darauf vertrauen, dass ich die richtige Entscheidung treffen werde. Diese Einstellung hat mir insbesondere bei Abschnitten des Weges geholfen, bei denen ich noch überhaupt nicht wusste, was kommt.

 

Wie zum Beispiel bei der Heilung der Essstörung. Auf dem Heilungsweg ist so viel Angst, so viel Unsicherheit und Unbekanntes. Wir zweifeln an unserer Entscheidung und fürchten uns so sehr davor weiterzugehen, weil wir nicht wissen, was auf uns wartet. Wenn ich dir also sage, dass Heilung möglich ist und du deinem Weg vertrauen kannst, dann kann ich das nur, weil ich diesen Weg schon gegangen bin – damals war ich genauso hoffnungslos und unsicher.

Denn neben dem Vertrauen in deinen eigenen Weg ist es vor allem auch der Glaube an dich selbst, der dir dabei hilft, schwierige Lebensphasen zu überstehen. Der Glaube, dass du die richtige Entscheidung treffen wirst. Dass du tief in dir die Antwort kennst und jetzt den Mut haben musst, sie auch laut auszusprechen. Dich selbst zur Priorität zu machen, unabhängig von äußeren Erwartungen. Was sagt dein Bauchgefühl? Die schwierigsten Entscheidungen sind die, die das meiste Wachstumspotential bieten.

 

Du brauchst keine Angst haben, denn du wirst die richtige Entscheidung treffen. Du kannst deinem Weg vertrauen, denn alle Erfahrungen, die du machst, bringen dich näher zu deinem wahren Selbst. Es ist okay falsche Entscheidungen zu treffen und zu scheitern, denn im Endeffekt, wird am Ende des Lebens niemand danach fragen.

 

Allerdings solltest du dir die Frage stellen: Was will ich wirklich? Welche Erfahrungen möchte ich gerne noch machen? Wovon hätte ich gerne mehr in meinem Leben? Und dann: Go get it!

 

Es gibt nur dieses eine Leben. Das Leben ist für dich. Du bist auf dem richtigen Weg.

 

Alles Liebe,

deine Oona

 

 

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