#24 Meine 3 wichtigsten Learnings auf dem Heilungsweg der Essstörung

 

Heute gibt es eine Podcastfolge, die sehr aus meinem Herzen kommt, aus meinem Inneren kommt und genau darum geht es in dieser Folge auch – was die Essstörung bei mir im Inneren verändert hat, was ich durch die Essstörung vielleicht auch gelernt habe, aus dieser Zeit. Die definitiv keine einfache Zeit war aber rückblickend mir sehr dabei geholfen hat mich, als Person zu entwickeln, herauszufinden wer ich wirklich bin und wer ich wirklich bin und wer ich vielleicht auch sein möchte.

 

Damit möchte ich nicht sagen, dass man eine Essstörung haben muss, um sich selber zu finden, auf gar keinen Fall. Aber ich möchte dir mit dieser Podcastfolge die Möglichkeit geben, von einem anderen Blickwinkel auf deine Essstörung zu schauen und zu erkennen, dass dieser Weg eine Chance bietet, dich selber zu entwickeln und an dieser Erfahrung zu wachsen.

 

Be open – versuche dich selber zu beobachten, wenn du diese Folge hörst. Wo spürst du vielleicht innere Widerstände, an welchen Punkten fühlst du dich verstanden, was siehst du vielleicht auch ganz anders?  Bleib'  aufmerksam und ich verspreche dir, dass dir diese Folge dabei hilft im Inneren eine Tür aufzumachen und verständnisvoller mit dir selber zu sein.

 

Eins der größten Probleme mit der Essstörung ist, dass man sich auf dem Heilungsweg ziemlich leicht in eine Art Opferrolle drücken lässt. Und man das Gefühl hat, dass man dem Ganzen ausgeliefert ist. Dass man nichts tun kann. Und wenn man es doch versucht, dass es dann sowieso keinen Effekt hat.

 

Dass man dieses Gefühl hat, warum ich? Warum musste mir das passieren? Warum musste ich diese Essstörung bekommen? Warum konnte ich nicht einfach Teenager sein? Warum konnte ich keine sorgenfreie Pubertät haben? Alles machen, was andere Mädchen in meinem Alter machen?

Warum musste mir das passieren?

 

Du bist nicht das Opfer deiner Essstörung. Du bist nicht ausgeliefert. Auch, wenn es sich jetzt vielleicht gerade so anfühlt. Du hast die Möglichkeit diese Situation zu verändern. Du hast die Kraft. Du hast die Power.

 

Und es gab eine Zeit in meinem Leben, da hätte ich mir nichts mehr gewünscht, als diesen Lebensabschnitt mit der Essstörung auszulöschen. Ich war ziemlich wütend auf mich selber. Wütend und enttäuscht, dass ich so viel Zeit verloren habe.

Ich wollte die Jahre der Essstörung meinem Gedächtnis löschen. Ich habe mich dafür geschämt. Wollte am liebsten, dass sie nie DA gewesen wäre.

 

Aber Fakt ist - ohne die Essstörung wäre ich glaube ich nicht ansatzweise der Mensch, der ich heute bin.

Nochmal, ich sage damit nicht, dass eine Essstörung eine tolle Möglichkeit ist sich selber zu finden. Überhaupt nicht. Eine Essstörung ist eine schwere Krankheit, die lebensbedrohlich sein kann. Aber ich habe unglaublich viel gelernt, erkannt, reflektiert und geübt um sie zu heilen.

 

Um diese Anteile in mir zu heilen, die eine Essstörung als Lösungsansatz brauchten, weil ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht bereit war, sie für mich anderweitig zu lösen.

Wenn du bereit bist, dich auf deinem Heilungsweg mit DIR auseinanderzusetzen. Mit dem was in deinem Inneren los ist. Mit deinen Ängsten. Deinen Überzeugungen. Deinen negativen Glaubenssätzen, deiner Kindheit.

 

Mit all dem, was tief in uns verborgen ist, dann gibst du dir selber die Erlaubnis zu heilen. Und nicht nur das: Du wirst auf dieser Reise, auf deinem Heilungsweg zu einem Mensch, der mit offenem Herzen, selbstreflektiert und einfühlsam durch diese Welt geht.

 

Die Wunden, Traumata, Erlebnisse, die wir in unserem Leben gesammelt haben, sind tief in uns verborgen. Die meisten Menschen wissen was in ihnen verborgen ist. Aber schieben es zur Seite, weil es zu viel Kraft kostet und zu intensiv ist um sich damit auseinanderzusetzen. Andere Menschen haben ihre Verletzungen und Ängste so lange unterdrückt und weggeschoben, dass sie vielleicht gar nicht mehr wissen, dass sie da sind. Sie sind da. Sie gehen nicht einfach weg, nur weil man nicht mehr darüber nachdenkt. Und irgendwann, wenn sie zu lange im Inneren gebrodelt haben, drücken sie sich schmerzhaft an die Oberfläche.

 

Und selbst dann, gibt es viele Menschen, die nicht bereit sind sich damit auseinanderzusetzen. Sondern betäuben den Schmerz, lenken sich ab, versuchen so zu tun, als wären diese inneren Themen nicht da.

 

Bei Essstörungen ist es anders. Der Schmerz, die Erfahrungen, die eigenen Überzeugungen, all das liegt unter dem Mantel der Essstörung. Wir können die Essstörung erst heilen, wenn wir über unseren Schatten springen und sagen: Okay, ich bin bereit da hinzuschauen. Diese Reise durch meine Vergangenheit, in mein Inneres zu machen. Alle blinden Flecken zu beleuchten, auch wenn es schmerzhaft ist.

 

Die Heilung der Essstörung geht durch die Angst. Durch den Schmerz. Durch diese ganzen unangenehmen Themen.

Ich kenne einige Frauen, die denken, dass die Heilung der Essstörung in erster Linie durch einen Ernährungsplan gelöst werden kann. Dass es darum geht, den Körper anzunehmen und wieder genug zu essen. Ich war damals selber eine dieser Frauen. Ich habe Therapie abgelehnt. War nicht bereit mit jemandem darüber zu sprechen, was eigentlich in mir passiert.

 

Allerdings kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass die Essstörung so nicht verschwindet. Zumindest nicht vollständig. Vielleicht nach Außen. Oder sie verlagert sich in eine andere Sucht. Aber sobald du in eine Situation kommst, in der diese Unsicherheiten, deine Kindheit, deine negativen Glaubenssätze oder Verletzungen in einer bestimmten Art und Weise getriggert werden, ist sie wieder da. Vielleicht ganz plötzlich. Vielleicht schleichend.

 

Viele dieser Frauen haben seit Jahren mit der Essstörung zu tun, sind immer mal wieder „geheilt“ und zwei Jahre später wieder voll in der Essstörung.

Ich konnte diesen Jojo-Kreislauf erst durchbrechen, als ich mir selber eingestanden habe, dass da mehr ist als einfach nur der Wunsch dünn zu sein. Dass die Essstörung ein Symptom für etwas ist, dass ich tief in mir verborgen habe.

 

Ich habe aus der Essstörung drei sehr wichtige Dinge für mich gelernt, die ich jetzt gerne mit dir teilen möchte und die mein Leben maßgeblich verändert und vor allem verbessert haben.

 

Das erste wichtige Learning, das ich aus dem Heilungsprozess mitgenommen habe, ist das Wahrnehmen. Mich selber wahrzunehmen. Meinen Körper. Meine Gedanken. Meine Umgebung wahrzunehmen. Wie geht es mir? Allgemein? Oder vielleicht in einer bestimmten Situation? Was fühle ich?

Bin ich innerlich vielleicht gestresst, unruhig, wütend, genervt? Allein die Tatsache, diese ganzen Gefühle explizit benennen zu können. Festzustellen, wie fein der Grad zwischen den unterschiedlichen Gefühlen verläuft.

 

Verschließe ich mich, obwohl ich eigentlich gerade total wütend bin und am liebsten schreien möchte? Bin ich eigentlich total enttäuscht, aber versuche das nach außen herunterzuspielen? Und auch wahrzunehmen, welche dieser Emotionen sind eigentlich gerade meine?

Übernehme ich vielleicht den Stress oder die Unzufriedenheit von jemand anderem? Wahrzunehmen, was braucht mein Körper? Wie fühle ich mich gerade in meinem Körper?

 

Und um Sachen wahrzunehmen, muss man erst einmal gar nichts tun. Während der Heilung der Essstörung und auch in der Therapie habe ich gelernt immer mal wieder innezuhalten, in mich hinein zu spüren und mich zu fragen: Was ist da eigentlich gerade los?

Das zweite wichtige Learning ist das Reflektieren. Warum sind Dinge so, wie sie sind? Warum bin ich so? Warum reagiere ich in bestimmten Situationen, so wie ich reagiere und warum reagieren andere Menschen in den gleichen Situationen vollkommen unterschiedlich? Woher kommen meine Ängste? Meine negativen Glaubenssätze und welche Momente im Alltag werden von ihnen geprägt?

 

Reflektieren ist deep shit. Reflektieren ist verdammt anstrengend. Weil es nicht mehr darum geht nur zu erkennen. Ah, das ist jetzt so. Ich bin verletzt. Sondern herauszufinden: Warum ist das so? Was hat mich verletzt? Und vor allem: Wie viel hat dieses Gefühl der Verletzung mit der aktuellen Situation zu tun? Oder hat diese Situation einfach nur ein altes Muster reaktiviert?

 

Reflexion ist für mich die Suche nach dem Warum und die Antwort ist meist: Ahhh darum ist das so. Manchmal gibt es auch nicht direkt eine Antwort.

Aber die Tatsache, dass ich mir diese Warum-Frage während meiner Heilung immer wieder gestellt habe, hat dazu geführt, dass sie mittlerweile oft ganz von selbst kommt.

Ich denke viel nach. Über mich. Warum ich das mache, was ich mache. Warum ich bestimmte Sachen denke. Warum ich bestimmte Dinge fühle. Wie es anderen geht. Warum es ihnen so geht.

 

Reflektieren ist für mich eine Form mich selber besser zu verstehen. Muster zu identifizieren und im nächsten Schritt frühzeitig zu erkennen. Reflexion ist, glaube ich das Master-Tool für zwischenmenschliche Beziehungen, aber auch für die Beziehung zu uns selbst. Ohne die Essstörung und meinen Heilungsweg – wäre ich wahrscheinlich lange nicht da wo ich jetzt bin. Weil ich für die Heilung der Essstörung lernen musste wahrzunehmen und zu reflektieren. Ich glaube auch, dass mich diese Erfahrung deutlich fühliger und sensibler gemacht hat. Nicht, dass ich das vorher nicht war, aber ich bin jetzt auf eine andere Art und Weise im Kontakt mit meinen Gefühlen. Ich bin empathischer, kann mich besser in andere hineinversetzen. Und gehe in einer ganz anderen Art und Weise mit dem Thema Gewicht und Körper um.

 

Das dritte wichtige Learning, was ich aus der Essstörung mitgenommen habe, ist: Etwas wirklich umzusetzen. Echt zu sein. Und sich selber wichtig zu nehmen.

Ich gebe zu, dass das die eine Sache ist, die bei mir immer noch die meiste Übung erfordert. Ich merke, wie viel besser ich in den letzten Jahren geworden bin, aber wirklich für mich selber einzustehen, ist meine größte Herausforderung. Bauchentscheidungen wirklich zu treffen, statt im Nachhinein zu sagen: Ja ich wusste eigentlich was die richtige Entscheidung gewesen wäre. Aber ich habe mir nicht vertraut.

Mich nicht zu Dingen überreden lassen, die ich nicht will. Sondern den Mund aufzumachen und zu sagen: Ich möchte das nicht.

Auch, wenn das vielleicht schlechte Stimmung macht. Auch, wenn dann der Haussegen kurzzeitig schief hängt.

Für mich selber und meine Meinung einstehen. Für meine Wünsche kämpfen, selber zu entscheiden. Damit aufzuhören, mich anzupassen, weil ich das Gefühl hat, dass andere mich dann weniger mögen.

Mir genug zu vertrauen, dass ich bestimmte Dinge schaffen kann.

Zu kommunizieren, wenn ich mich ungerecht behandelt fühle, auch mal zu fordern.

Zu weinen, wenn ich traurig bin. Egal wo das gerade ist. Meine Gefühle fließen zu lassen. Auch mal richtig wütend zu sein.

Alles raus zuschreien. Emotionen nicht länger zu deckeln und einzuschließen.

Damit aufzuhören mich kleinzuhalten. Mich abzugrenzen, wenn ich merke, dass mir bestimmte Dinge nicht guttun.

Zu erkennen, was ich brauche und das dann auch wirklich zu machen. Mich selbst zum wichtigsten Menschen in meinem Leben zu machen. Zur Priorität. Du bist deine eigene Priorität.

 

Und wenn ich sage, dass das meine Learnings sind, dann bedeutet das, dass ich immer noch lerne. Und übe. Jeden Tag. Mal mehr, mal weniger. Yoga und Meditation, Tagebuch schreiben, hilft mir sehr dabei. Immer wieder kurz innezuhalten und auf meine Gefühle, meine Handlungen, meine Gedanken – auf mich zu gucken.

Ich möchte die Essstörung nicht mehr aus meinem Leben löschen. In gewisser Weise hat mir die Heilung dabei geholfen zu mir zu finden. Herauszufinden wer ich bin. Ohne die Essstörung gäbe es diesen Podcast nicht. Ich hätte viele für mich wichtige Menschen niemals getroffen.

 

Ich wünsche niemandem, dass er diese Erfahrung machen muss, aber für mich war sie ein Teil meines Weges um zu mir zu finden.

Und vielleicht ist es so, dass du überhaupt nicht mit mir übereinstimmst.

 

Weil du gerade so viel Verzweiflung und Angst und sogar Schmerz auf deinem Heilungsweg fühlst. Weil du jede andere Krankheit lieber hättest, als diese Essstörung. Es bleibt nicht für immer so. Es wird besser. Du kannst dir vertrauen. Du wirst da durchgehen. Und dein inneres Licht wird strahlen. Obwohl ich nicht religiös bin, bin ich damals getauft worden. Und mein Taufspruch begleitet mich bis heute.

 

Er ist einer meiner wichtigsten Leitsätze, die mich in den dunkelsten Tagen meiner Essstörung begleitet haben: Mache dich auf und werde Licht. Guck nach Innen, öffne dich und teile dein Licht, dein Strahlen mit der Welt.

 

Du bist auf dem richtigen Weg.

Alles Liebe, deine Oona

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