#01 Warum es so wichtig war den Ursprung meiner Essstörung zu erkennen

Wann war meine Essstörung eigentlich das erste Mal da? Wann habe ich rückblickend das erste Mal das Gefühl gehabt, dass ich meinen Körper nicht annehmen kann, oder Essen ein Problem für mich darstellt?

Emotionale Heilung war für mich erst möglich, als ich herausgefunden habe, woher meine Essstörung kommt.
Deswegen habe ich mich auch im Zuge meines Podcasts wirklich nochmal sehr intensiv mit meiner Vergangenheit und meiner Essstörung auseinandergesetzt.
Um dir zu zeigen, wie du deine Essstörung besser verstehen und erkennen kannst. Wie du herausfinden kannst, woher deine Essstörung und ursprünglich kommt.

Wenn du nämlich losgehst, um den Ursprung der Essstörung zu finden, bekommst du ein besseres Verständnis, warum du ein essgestörtes Verhalten hast, oder deinen Körper nicht annehmen kannst.

Um ehrlich zu sein, bin ich eigentlich kein so großer Fan die eigene Vergangenheit zu durchforsten. Denn das Leben passiert jetzt – hier in der Gegenwart. Statt mir zu überlegen, warum ich etwas Bestimmtes gemacht habe, kann ich die Zeit nutzen, um in diesem Moment aktiv zu werden und mein Verhalten zu ändern.

Allerdings geht es hierbei nicht darum in die Vergangenheit zu gehen und zu überlegen, was man alles falsch gemacht, oder hätte besser machen können – sondern sich seine Vergangenheit ohne Wertung einmal anzuschauen und sich zu fragen: Was ist damals eigentlich passiert?

Es geht darum zu akzeptieren, dass das essgestörte Verhalten damals einen bestimmten Sinn und eine Bedeutung hatte.

Und deswegen habe ich sowohl für den oonamasté podcast, als auch für mich selber meine ganze Geschichte mit der Essstörung aufgeschrieben.
Für mich war es sehr heilend zurückzugehen und einmal zu gucken, woher die Essstörung oder das essgestörte Verhalten gekommen ist.

Und dazu muss ich einmal erwähnen, dass ich in all meinen Erzählungen immer gesagt, dass meine Essstörung und die Unzufriedenheit mit meinem eigenen Körper nach der Rückkehr aus meinem Auslandsland begonnen hat.
Und ich war auch immer überzeugt, dass das stimmt. Dass ich mich nach einem Jahr in Mexiko zu dick gefühlt habe, dass ich Angst hatte bewertet zu werden.

Als ich aber angefangen habe das alles Aufzuschreiben, ist mir bewusst geworden, dass meine Zeit mit der ES schon viel früher begonnen hat.

Diäten haben in meinem Leben nie eine Rolle gespielt. Ich bin ohne Instagram aufgewachsen und hatte immer ein gutes Verhältnis zu meinem Körper.

Mein Auslandsjahr hat für mich alles verändert. 2009 bin ich mit 15 Jahren für ein Jahr nach Mexiko gegangen, obwohl ich, das eigentlich gar nicht wollte. „Ein Auslandsjahr ist eine super Erfahrung“, „jetzt hast du noch die Chance dazu“, „deine Freundinnen gehen auch ins Ausland“. Eigentlich wollte ich zuhause bleiben. In meinem gewohnten Umfeld, bei meiner Familie, meinen Freunden, bei den Dingen, die mir ein gutes Gefühl gegeben haben.

Der Druck äußere Erwartungen zu erfüllen und zu gefallen, war für mich viel größer als mein leiser Wunsch zuhause zu bleiben. Also ging ich. An diesem Punkt habe ich das erste Mal die Verbindung zu meiner Intuition verloren und die Stimme in mir zum Schweigen gebracht.

Ich habe bei einer wunderbaren Familie in Mexiko gelebt. Vielleicht hat das Leben mir sie als Kompensation geschenkt, da ich mich entschieden habe zu gehen, obwohl ich eigentlich nicht wollte. Hier, ich gebe dir die beste Familie, damit es nicht so schlimm für dich ist.
Ich habe selten so einen starken Zusammenhalt, so viel Liebe und Freude gespürt. Ich habe wunderbare Erfahrungen machen dürfen und konnte mein Leben durch einzigartige Momente und eine neue Sprache bereichern. Allerdings habe ich mir selten erlaubt, wirklich ich selbst sein.

Die anderen Wertevorstellungen und Erwartungen in Mexiko haben dazu geführt, dass ich mich vollständig angepasst habe. Mich selbst immer mehr verloren habe. Die Oona, die wild und laut war, verbotene Dinge getan hat und frei entscheiden konnte, wer sie sein will, wurde immer kleiner und stiller.

Ich habe versucht jemand zu sein, der ich eigentlich nicht bin. Habe ja gesagt, obwohl ich Nein gespürt habe. Habe versucht immer brav, nett und artig zu sein. Nicht zu widersprechen und meine Meinung zu sagen.

In diesen 10 Monaten habe ich mich verloren. Ich habe den Kontakt zu mir und meinen Wünschen verloren und wusste am Ende gar nicht mehr, wer ich wirklich bin. Während dieser Zeit habe ich alle negativen Emotionen und Rebellionen in mich hineingefressen.

Der Druck jemand zu sein, der ich nicht bin, hat Essen zu meiner Kompensation gemacht. Lieb und brav und artig sein und anschließend 1 Packung Müsli essen. Nicht nein sagen, versuchen gemocht zu werden und es allen recht machen, um danach heimlich die letzten Pizzareste aus den Kartons vom Vortag zu essen.

Meinen seelischen Hunger nach Authentizität und Wahrheit habe ich durch Essen gestillt. Und je unzufriedener ich mit meinem Inneren war, desto mehr aß ich. Je mehr ich aß, desto unzufriedener wurde ich mit meinem Äußeren.

Rückblickend war diese Erkenntnis einfach so unglaublich wertvoll, weil sie mir gezeigt hat, dass die Essstörung mir dazu diente, ein Problem zu lösen. Und weil diese Strategie funktioniert hat, habe ich sie an ganz vielen späteren Punkten meines Lebens angewendet. Das heißt, meine und auch deine Heilung beginnt mit der Erkenntnis, dass die Essstörung dazu da war um mit einer bestimmten Situation, mit bestimmten Gefühlen etc. klarzukommen.

Denn oft wird es so dargestellt, als wäre die Essstörung der Kern des Problems.

Wie schaffe ich es meine Essstörung loszuwerden? Wie kann ich normal essen? All diese Fragen beschäftigen sich mit dem Symptom. Nicht mit dem Thema, dahinter. Denn die Essstörung ist nicht das Problem, sondern eine Strategie um das eigentliche Problem zu bewältigen.

Und wenn du diese Erkenntnis hast, dass die Essstörung dir dazu gedient hat, um in einer bestimmten Situation den Kopf über Wasser zu halten, dann kannst du im nächsten Schritt losgehen, um diese Strategie Stück für Stück loszulassen.

Nimm dir eine Stunde Zeit zu, um alles aufzuschreiben, an das du dich erinnerst. Ich bin damals an den frühestmöglichen Zeitpunkt zurückgegangen, an dem ich mein essgestörtes Verhalten und die Unzufriedenheit mit meinem eigenen Körper rückblickend wahrgenommen habe.

Such dir dafür einen ruhigen Ort, an dem für die nächsten 60 Minuten ungestört bist. Entweder in deinem Schlafzimmer oder aber auch in der Natur, an einem Ort an dem du dich wohlfühlst und vollkommen für dich sein kannst. Nimm dir einen Zettel oder ein Buch und fang einfach an zu schreiben. Mir haben auch Fotos geholfen, weil man mit Fotos oft sehr starke Emotionen verbindet und sich besser in den Moment von damals einfühlen kann.

Deine Erinnerungen müssen hierfür gar nicht chronologisch sein (Gedanken ordnen kannst du später), schreib erstmal einfach alles auf, woran du dich erinnerst. Welche Situationen und Gefühle kommen hoch? Was hast du in dieser Zeit damals über dich selber gedacht? An welchem Punkt deines Lebens warst du? Welche Ziele und Wünsche, aber auch vielleicht welche Ängste hattest du damals?

Es ist so wichtig die Umstände deiner damaligen Situation zu erkennen, weil die Essstörung dir in diesen stürmischen Zeiten geholfen hat den Kopf über Wasser zu halten. Sie war ein Mittel um Konflikte und Gefühle in schwierigen Situationen zu bewältigen.

Vielleicht stellst du fest, dass du in einer ähnlichen Situation warst wie ich, dass du unter Leistungsdruck standest, dass sich deine Eltern getrennt haben oder du das Gefühl hattest, dass du deinen Platz im Leben verlierst.

Ich möchte hier gar nicht so viele Beispiele nennen, weil das deine Geschichte ist, deine Reise und deine Gründe genauso individuell sind, wie du.

Worum es in dieser Übung geht, ist die Perspektive zu ändern, aus der Situation in der du aktuell bist herauszutreten, von außen zu schauen, was war damals eigentlich los. Das führt dazu, dass du Abstand nehmen und die Situation wirklich ohne Bewertung sehen kannst. Du darfst die Essstörung eine Art Lösungsansatz anerkennen, den du irgendwann unbewusst gewählt hast, weil du das Gefühl hattest, dass es keinen anderen Ausweg gibt. Das war zumindest bei mir in dieser Situation in Mexiko so.

Es kann sein, dass diese Erfahrungen mitunter sehr intensiv sind, dass sie vielleicht mit einem Trauma verknüpft sind oder mit einem Moment, der sehr schmerzhaft für dich war. Wenn du so einen Moment in deinem Leben hattest, bitte ich dich, dir Unterstützung zu suchen, um den Ursprung deiner Essstörung zu finden. Also mit einem Therapeuten zu sprechen, der dich professionell unterstützen kann.

Und ganz wichtig – mach dir keinen Druck, wenn du das Gefühl hast, das nichts kommt. Vertraue, dass du den Grund herausfinden wirst. Vielleicht brauchst du da für zwei oder drei Anläufe. Bei mir hat es mehrere Jahre gedauert, bis ich die ganzen unterschiedlichen Gründe und Ursprünge für meine Essstörung erkennen konnte. Und das ist völlig okay so – alles kommt, wenn es kommen soll.

Nimm dir einfach die Zeit und versuche die Situation von damals wahrzunehmen.
Die wichtigsten Erkenntnisse noch einmal zusammengefasst:

 

  • Die Essstörung ist nicht das Problem – sondern das Symptom. Die Essstörung ist ein Lösungsansatz, den du unbewusst gewählt hast, weil es scheinbar keinen anderen Ausweg gab.
  • Wenn du losgehst und diese Übung machst, um den Ursprung der Essstörung zu finden, bekommst du ein besseres Verständnis, was hinter deinem essgestörten Verhalten steckt, oder warum du deinen Körper nicht annehmen kannst.
  • Und wenn du diese Erkenntnis hast, dass die Essstörung in dieser Situation damals dein Rettungsring war, dann kannst du im nächsten Schritt losgehen und neue Fähigkeiten entwickeln, um eine alternative Strategie zu entwickeln
  • Versuche wirklich den Druck heraus zunehmen. Ein Schritt nach dem anderen. Das ist keine Prüfung, sondern nur eine Idee, die mir geholfen hat, um im ersten Schritt zu erkennen, was einer der ganz vielen individuellen Faktoren hinter meinem essgestörten Verhalten war.

Ich hoffe sehr, dass dir meine persönlichen Erfahrungen Mut gemacht haben, um dich mit dem Ursprung deiner Essstörung auseinander zu setzen. Und dass dieser Text ein bisschen geholfen hat, zu verstehen, warum es so wichtig ist, dass du erkennst, wann und warum deine Essstörung aufgetreten ist.

Ich freue mich, wenn du mir hier über meine Website oder über Instagram deine Gedanken zu dem Thema schreibst und deine Erkenntnisse mit mir teilst.

Bis dahin: Du bist auf dem richtigen Weg!

Alles Liebe und eine große Umarmung,
deine Oona

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Kommentare: 1
  • #1

    Svenja (Samstag, 28 September 2019 06:47)

    Liebe Oona,
    ich bin den selben Weg gegangen u auch bei mir hat es Jahre gedauert, bis sich das Puzzle des Ursprungs zusammengesetzt hat. Der Druck einem Bild zu entsprechen, von dem man spürt "Das bin ich nicht!" ist immens. Wenn du aber, weil du jung bist, gar nicht weißt, wer DU bist, ist es umso schwieriger sich selbst zu finden.
    Mein Weg hat mehr als zwanzig Jahre gedauert.
    Ich wünsche jedem der hierher diesen Weg gefunden hat, den Mut zu sich selbst zu stehen! Egal wie alt du bist, vertraue darauf, dass du alles was du wissen musst längst in dir trägst. Deine Intuition!